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Die Spuren eines Romans. 23
im Roman, daß das junge Mädchen ſich nicht enthalten konute, forſchend ſtehen zu bleiben und ihn zuweilen mit einem raſchen Blick zu betrachten. Allerdings war auf dieſem Geſicht von Wohlwollen keine Spur, wenigſtens in dieſem Augenblicke nicht, wer aber mag auch beſtändig mit heiterer, wohlwollender Miene umher ſpazieren, beſonders wenn man, mit ſeinen Gedanken beſchäftigt, ernſte Dinge überlegt und erwägt; ſonſt aber traf hier ſo außerordentlich Vieles mit jener Schilderung zuſammen; der dunkle, ſorgfältige Anzug, die weiſe Halsbinde unter dem fetten Kinn, das eigenthümliche Hin⸗ und Herzucken dieſes Kinnes als Verſuche, es vergebens ſich in die Falten dieſer Halsbinde zu verbergen, der Rockaufhänger, welcher hinter dem Kragen hervorlauſchte, alles das gab ein Bild, für Adelgunde zu bekannt, um ſie nicht zu veranlaſſen, dem alten Herrn an das Schaufenſter um die Ecke herum zu folgen und hier ihrerſeits ſcheinbar Photographieen zu betrachten, während er, eben⸗ falls ſcheinbar, ſeine volle Aufmerkſamkeit einem großen hiſtoriſchen Kupferſtich ſchenkte. In Wahrheit aber blickte er zuweilen unter ſeinen buſchigen Augenbrauen hinweg, doch mit noch finſterer Miene
als früher auf das junge, ſo auffallend ſchöne und dabei ſo eigen⸗
thümlich elegante Mädchen, und wandte ſich nach einigen Sekunden lötzlich von dem Schaufenſter ab, um ſeinen Weg die Seitenſtraße hinauf zu verfolgen. Hier aber hatte er noch keine drei Schritte gethan, als ein anderer älterer Herr ihm in den Weg trat, ihn freundlich auf die Schulter klopfte und ihm lächelnd ſagte:„Nun, wie ſteht's, Freund Schmetterer, hat Dich der ſchöne Frühlingstag ſo gewaltig verführt, daß Du jetzt um drei Uhr noch auf der Straße zu finden biſt, ſtatt auf der dumpfen Kanzlei zu ſitzen, oder hat man ſeine Hausehre, die Frau Stadträthin, ſpazieren führen müſſen?“
„Der Stadtrath Schmetterer!“ flüſterte Adelgunde entzückt, und wer konnte es ihr jetzt verargen, daß ſie an das den beiden alten Herren zunächſt gelegene Schaufenſter trat, und daß ſie hier, mit einer leichten Schwenkung gegen die Straße, ſtatt der Bilder


