Die Spuren eines Romans.
geflüſterte Worte nicht zu vernehmen. Endlich hatte ſie den höher gelegenen ruhigeren Theil der Straße erreicht, wo ſich weniger Flaneurs der eben angegebenen Sorte befanden, wo ernſtere Männer auf und ab gingen, ſich an der milden Luft und dem warmen Sonnenſchein erfreuend, und wo geſetzte Damen mit großer Gewiſſen⸗ haftigkeit die ausgelegten Modewaaren ſtudirten. Hier athmete Adelgunde freier auf und mäßigte ihren etwas zu raſchen Gang, ja, erinnerte ſich jetzt erſt wieder ihres Vorhabens, das ſie faſt im Gedränge da unten vergeſſen, und lenkte ihre Schritte nach einer Seitenſtraße, deren Ende, ſanft aufſteigend, ſich in grünen Büſchen verlor, hinter denen eine Bergwand emporſtieg, welche oben mit einem dunklen Tannenwalde gekrönt war.
Aber das Eckhaus der Hauptſtraße und jener Seitenſtraße war ein großer Bilderladen, vor welchem das junge Mädchen einen Augenblick ſtehen blieb, weniger um die dort aufgeſtellten Kunſt⸗ werke zu betrachten, als weil ihr die Geſtalt eines älteren Herrn auffiel, der ebenfalls dort ſtand, ausgehängte Photographieen be⸗ trachtend. Er war dunkel gelleidet, hielt in den zuſammengelegten Händen auf dem Rücken ein ſpaniſches Rohr mit weißem Knopf, welches er ſich bemühte, wie einen Perpendikel ſchwingen zu machen, ganz wie es Herr Schmetterer im Roman immer zu thun pflegte. Auch trug er den Hut auf dem Hinterkopfe, hatte ziemlich ergrau⸗ tes Haar, eine geſunde, röthliche Geſichtsfarbe, nur ſchien der Aus⸗ druck dieſes Geſichtes nicht ganz ſo wohlwollend, wie der Verfaſſer jenen des Andern geſchildert. Dieſer Herr hatte etwas ſtechende Augen, eine fleiſchige, tief herabhängende Naſe und einen verdrieß⸗ lichen Zug um den Mund. Adelgunde konnte das deutlich ſehen, denn ſie hatte ſich dicht neben ihn geſtellt und konnte ſich nicht ent⸗ halten, ihm eine Sekunde lang aufmerkſam in's Geſicht zu ſehen, was er durch einen raſchen Seitenblick bemerkte und worauf ſich ſeine Züge noch grämlicher zuſammenzogen. Trotzdem aber war ſo viel Aehnlichkeit zwiſchen der Figur dieſes Herrn und jener andern


