Teil eines Werkes 
50. Bd. (1873) Werke
Entstehung
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18 Die Spuren eines Romans.

Stande ſein würde, ſie glücklich zu machen, das aber ſo mit all' den erträumten großen und ſchönen Eigenſchaften wohl nimmer aufzufinden war. Ihr war es Ernſt mit dem Gedanken: eine Hütte und ſein Herz, und wenn ſie ihn gefunden hätte, würde ſie ſelig geweſen ſein nicht nur allein mit ihm in jener unſcheinbaren Hütte zu leben, ſondern allein auf der Welt, wenigſtens für eine Zeitlang ſpäter wäre ja alsdann immerhin die nächſte Eiſen⸗ bahnſtation mit Leichtigkeit zu erreichen geweſen. Wenn er, für den ihr Herz ſchwärmte, nur nicht ſo ganz unmöglich, eine ſo vollendete Romanfigur geweſen wäre. Aber Adelgunde, die ſchreck⸗ lich viel geleſen, hatte in buntem Durcheinander aus all' den ge⸗ fährlichen Geſchichten ein Bild zuſammengetragen, ſich ein Weſen geformt, das, viel zu viel Engel und viel zu wenig Menſch, gar keine Lebensfähigkeit beſaß, um in dieſer verderbten Welt beſtehen zu können.

Warum auch jenes Ideal im Gewühl jener Stadt, wo ſie im Haus ihres Bruders wohnte, auf Bällen und Soiréen, bei Land⸗ partieen und im Theater finden wollen? Dort, wo ja alles Trug und Schein war, Masken, Schminke, wo ſo viele Worte und Mie⸗ nen, in freundliches Lächeln gezwungen, nur dann erſt natürlich werden, wenn man ſich unter einem Seufzer der Enttäuſchung und der Langeweile endlich wieder allein findet aaa-ahl glück⸗ ſelig, endlich wieder allein zu ſein!

Warum nicht lieber durch Flur und Wald ſchweifen, ſich an das Herz der göttlichen Natur werfen, um vielleicht unter Sonnen⸗ ſchein und Blütenduft zu finden, was man bei Kerzenſchimmer und Eßbouquet vergeblich geſucht. Ja, nach Wald⸗ und Heugeruch ſehnte ſich das junge Mädchen, unter wohlriechenden Tannen zu

ruhen, einzuathmen die berauſchenden Düfte friſch getrockneten Graſes,

mit ſeinen unzählbaren Wieſenblumen das einzig wahre und allein echte Bouquet de mille fleurs. Und vor allen Dingen draußen keine Romane zu leſen hatte