Teil eines Werkes 
50. Bd. (1873) Werke
Entstehung
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16 Die Spuren eines Romans. 3

platz des Romans hier bei uns wieder erkannt haben will, ſondern auch verſchiedene der Handelnden und noch lebende Perſonen. Dieß letztere ſprach der blondgelockte Kellner leiſe liſpelnd mit nie⸗ dergeſchlagenen Augen und einer graziöſen Schulterbewegung, während er mit dem Abſatz des rechten Fußes leiſe gegen das Parket des Bodens klopfte, doch riß er ſich gleich darauf wieder in das ge⸗ wöhnliche Gaſthofsbewußtſein zurück, indem er mit einer tiefen Verbeugung fragte, ob die Gnädige noch ſonſt etwas zu befehlen habe und ob ſie bei der Table d'hdte erſcheinen würde, entweder bei der gleich beginnenden um ein Uhr oder bei der um fünfe. Während die Kammerfrau hierauf im Nebenzimmer die Rieſen⸗ koffer öffnete, um allerlei Nöthiges herauszunehmen, ließ ſich Adel⸗ gunde auf einem Fauteuil am Fenſter nieder und warf einen Blick auf die freundliche Stadt, über deren Häuſermaſſen von allen Seiten die umliegenden Berge hereinblickten, hier mit Weingärten bedeckt, dort mit dunkeln Streifen Tannenwald geſchmückt oder gekrönt mit alten, halbverfallenen Thürmen, mit zierlichen Villen oder mit altersgrauen Kirchen und Kapellen. 1 Ja, ja, flüſterte die junge Dame, aufwärts blickend,gerede ſo, wie die Umgebungen der Stadt im Buche geſchildert ſind das dort gerade vor mir auf der Höhe könnten jene Mauerüberreſte ſein, auf denen ſich Magdalene verzweiflungsvoll ſtützte, als ſie, zum letzten Mal auf die Stadt hinabblickend, mit irren, von Thränen geblendeten Blicken den Garten mit ſeinen Blütenbäumen ſuchte, unter denen ſein kleines Häuschen ſtand ja, dort oben war es, mußte es ſein, wo ſie mit zitternder Hand die Nadel aus ihren eigenen Haarflechten zog, um dem Stein jenes verhängnißvolle M einzugraben ach! ſeufzte Adelgunde,wer jenes M wieder auffände, wer ſeine Hände darauf legen könnte, um durchzuckt zu werden von einem Theile des gewaltigen Schmerzes, der den Bu⸗ ſen jenes unglücklichen Mädchens erfüllte. Aber dazu müßte man allein fein.

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