Die Spuren eines Romans. 11
„Unglückliche Menſchen,“ ſeufzte Adelgunde, während der Eiſen⸗ bahnzug in raſender Eile durch das Thal dahinflog an friſch grü⸗ nenden, mit Blüten bedeckten Bäumen vorüber, donnernd und raſſelnd über lange Brücken hinweg, dann unheimlich pfeifend durch finſtere Tunnels, wo es bei dem ſchlechten Lampenlichte nicht möglich war, auch nur eine Zeile des Buches weiter zu leſen.
„Wenn ſo ein Schriftſteller wirklich die Wahrheit ſpräche, wenn er uns Wirkliches aus jüngſt vergangener Zeit erzählte, wenn er es uns möglich machte, den Spuren eines Romans zu folgen, vielleicht ſegensreich für die unglücklichen Menſchen ſelbſt, die er uns hier ſchildert, oder auch vielleicht für Andere, die ſich in gleicher Lage befinden. Ach! wie ganz anders hätte ich jenen jungen Mu⸗ ſiker verſtanden, wenn ich Magdalene geweſen wäre; ich hätte mich ihm entdeckt in meinen Fehlern, in meinen Verirrungen, in meinen Laſtern; ich hätte vielleicht in glühender Liebe ſeine Kniee umklam⸗ mert und hätte ihn angefleht: ‚rette mich vom Verderben, rette mich von der Schande— natürlich ganz im Sinne der Magdalene geſprochen— ‚xette mich durch die Gewalt Deiner heißen Liebe, rette mich durch die läuternde Kraft Deiner heiligen Kunſt———— ach—— wäre es doch unſäglich ſchön, ſo gerettet, ſo geläutert, ſo emporgehoben zu werden—— nachdem man Magdalene geweſen.
„Doch dieſes Buch,“ ſprach Adelgunde zu ſich ſelber,„hat nur noch ein paar Seiten, leſen wir raſch dieſe wenigen Seiten;“ und Adelgunde las weiter:
„Ja, verehrter Leſer, es ſchmerzt uns, Dir nicht den Namen jener Stadt angeben zu können, wo unſere wahrhaftige Geſchichte ſpielt, Dir nicht die Straße bezeichnen zu dürfen, auf welcher Du zu jenem ſchönen Landhauſe Buchenhof gelangſt, wo jenes kalte, herzloſe Ungeheuer heute noch wohnt, welches ſo verderblich in das Leben der unglücklichen Magdalene eingriff, jener vertrocknete, hagere Geld⸗ menſch mit dem Schnee des Alters auf dem Haupte, und trotz alledem mit der wilden, Alles verzehrenden Glut im Gehirne— ach! wir


