10 Die Spuren eines Romans.
Schwierigkeit haben, den Schauplatz unſeres Romans Schritt für Schritt zu begehen, ja viele von den handelnden Perſonen wieder zu finden, ſo den biederen Stadtrath Schmetterer mit der weißen Halsbinde und dem freundlich lächelnden Geſicht, Tag für Tag an den Bilderläden ſtehen bleibend, mit dem ſüßen Gedanken, dort endlich ſein Bildniß hängen zu ſehen, mit der Unterſchrift:„Ab⸗ geordneter des vierten Kreiſes“; ſo den Kommerzienrath Walbing mit vier unverſorgten, nicht mehr ballfähigen, kaum noch heiraths⸗ fähigen Töchtern; ſo das alte Haus mit dem ſpitzen, ausgezackten Giebeldache, in welches wir ſchüchtern treten, an der Werkſtatt des immer noch philoſophirenden Schuſters vorbeigehend, dann zögernd die alte Wendeltreppe hinanſteigend, ſchüchtern, ängſtlich, da wir fürchten, ihr zu begegnen— ihr— der unglückſeligen Magdalene, wie ſie, mit weit aufgeriſſenen, ſtarren Augen beſtändig rückwärts blickend, wenig bekleidet, die ausgetretenen Stufen hinabflieht vor der unnatürlichen Mutter, zitternd unter krampfhaftem Aufſchluchzen eine der ſchweren Flechten ihres blonden Haares zwiſchen die Zähne eingeklemmt, eine andere um die Hand gewickelt.— Wir könnten vielleicht den ſtillen Garten finden, wo er ſaß, an ſie denkend, während er liebliche Melodieen ſchuf, für ſie alles das ſingend und ſpielend, die er für reich und glücklich hielt, von der er nicht wußte, wie arm, wie elend, wie verachtet ſie war; er, jener junge Mann mit dem heißen Herzen und der glühenden Phantaſie, der nur in ſeinen Träumereien lebte, und von den Dingen um ſich her wenig mehr beachtete, als daß die Erde anfängt, ſich mit freundlichem Grün zu ſchmücken, nachdem des Winters weiße Schneedecke ver⸗ ſchwunden, und der von Magdalene nur wußte, daß ſie ein Weſen höherer Art ſei, ein Engel in Menſchengeſtalt, und der ſich gar nicht gewundert haben würde, er, der junge Muſiker nämlich, wenn ſie eines Tages, bei dem himmliſchen Adagio ſeiner C⸗Moll⸗Sym⸗ phonie, als Seraph mit blau ſchillernden Flügeln ſichtbar bei ihm vorübergeſchwebt wäre.“


