Fürſt und Kavalier. 303
linie in einem Bogen um das fürſtliche Jagdrevier herumgeführt würde—, eine Kleinigkeit, die man unhöflicher Weiſe gar nicht berückſichtigt hätte.
Hiezu klang als Chorus von den übrigen Herren des Hofes manches mißbilligende Wort, und es erſchien manchen in der That wünſchenswerth, ein ſolches Ungeheuer wie den betreffenden In⸗ genieur von Angeſicht zu Angeſicht zu ſehen.
Seine Hoheit hatte ſtilllächelnd geſchwiegen und unterbrach erſt nach einer längeren Pauſe den Sturm all' dieſer verdammenden Redensarten, indem er ſagte:„ich will geſtehen, daß die Zerſtück⸗ lung meines ſchönen Reviers auch auf mich einen unangenehmen Eindruck machte, jedoch“— dieſes„Jedoch“ hemmte wie eine plötz⸗ lich niederfallende Schleuſe um ſo mehr den Strom anzüglicher Redensarten, als Seine Hoheit nach dieſem Worte einen Augenblick innehielt und dann ſich wiederholend fortfuhr:„jedoch hat auch dieſes, wie Alles in der Welt ſeine zwei Seiten, und ehe man ſo ſtreng aburtheilt, muß man beide nicht nur gehörig betrachten, ſondern auch reiflich erwägen. Ich habe das gethan, meine Herren, und kann Sie verſichern, daß ich mir jetzt ſo ganz anderer Anſicht zu ſein erlaube, daß ich mich ſogar entſchloſſen habe, mit freund⸗ licher Anerkennung der Einweihung dieſes in der That ſchönen Brückenbaues beizuwohnen.“
Dieſe Schwankung des Seiles war zu heftig, als daß auch der geſchickteſte Equilibriſt im ſelben Augenblicke das Gleichgewicht wieder gefunden hätte: man vernahm einige leiſe Ah und Oh, ein verlegenes Huſten und Räuſpern, man ſah in die Länge gezogene, ſehr erſtaunte Geſichter: es gab eine Kunſtpauſe von erſchreckender Dauer, ehe ſelbſt der erſte Künſtler in ſeinem Fache, Baron Spiegel, im Stande war, mit einer ſeltenen Geiſtesgegenwart zu ſagen: „Es iſt allerdings von Eurer Hoheit groß gedacht, in einer Frage von ſolcher Wichtigkeit Ihr perſönliches Intereſſe unterzuordnen.“ —„Wahrhaftig groß, erſtaunenswerth,“ hörte man einige flüſternde Stimmen, und ein alter Kammerherr faßte ſich ſo raſch, daß er


