Teil eines Werkes 
26. Bd. (1860) Werke
Entstehung
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Anonyme Briefe.

Biſt Du Geſchäftsmann, ſo werden Dir die anonymen Briefe vorgelegt, wie man dem unſchuldigen Hühnervolke Giftkörner unter die nahrhafte Gerſte ſtreut; aber mach' es wie dies kluge Vieh, wel⸗ ches die Giftkörner augenblicklich wieder ausſpuckt. Schau jedem geöffneten Brief ſogleich in's Geſicht, d. h. auf die Unterſchrift, und i*ſt der Brief ein namenloſerſtürzt das Scheuſal in die Wolfs⸗ ſchlucht, d. h. in den Papierkorb.

Ich habe es freilich nicht ſo gemacht, lieber Leſer, ſondern zu meinem Vergnügen und Deiner Belehrung habe ich mir eine feine Sammlung jener guten Freunde angelegt, welche mir ſchon manche angenehme Stunde bereitet hat. Ich betrachte die anonyme Brieſſtellerei vom objektiven Standpunkt; mir ſind ihre Erzeugniſſe ein Thermometer, an dem ich die Schlechtigkeiten mancher Menſchen meſſe, und mein Queckſilber in demſelben iſt ſchon ſo hoch geſtiegen, daß es bald keinen Platz mehr hat. 3

Die anonymen Briefe ſind nur bedingungsweiſe anonym. Die meiſten tragen eine Unterſchrift, wie z. B.Ein Feund, der's mit Ihnen gut meint. Unter dieſer Unterſchrift aber kommen die ſchlimmſten. Ferner:Ein hieſiger Bürgersmann; oder:Im Auf⸗ trag eines braven Mannes, der es gut mit Ihnen meint; oder:Jemand, der von Ihrer bodenloſen Schlechtigkeit vollkommen überzeugt iſt; oder endlich:Eine Anzahl hieſiger Bürger und Gewerbsmänner.

Anonyme Briefe laſſen ſich meiſtens ihrem Innern und ihrer Unterſchrift nach in drei Claſſen eintheilen, von denen die erſte Claſſe, meiſtens mit N. unterzeichnet, oder mitIhre, die harmloſeſte iſt. Es ſind meiſtens gerechte oder ungerechte Klagen über zarte und unzarte Verhältniſſe, ſchüchterne und unſchüchterne Bekanntſchaft⸗An⸗ knüpfungs⸗Verſuche, unter dem Titel der Entdeckung wichtiger Ge⸗ heimniſſe, z. B.:

Verehrter Herr! 4

Eine Perſon, die, ohne von Ihnen gekannt zu ſein, es ſehr gut mit Ihnen meint, wünſcht Sie in einer dringenden Angelegenheit