Es ſollte mich wundern, wenn nicht jeder meiner lieben Leſer ſchon einen anonymen Brief bekommen hätte. Vorausgeſetzt nämlich, daß der Leſer ein ehrenwerther Charakter iſt: denn die Lumpen und ſchlechten Charaktere bekommen keine anonymen Briefe, ſie ſchreiben blos welche. Alles iſt in der Natur von Gott dem Herrn weislich ein⸗ gerichtet. Man ſoll eine giftige Blüthe nicht eſſen, ſondern es verſtehen, wie die Bienen, aus den allergiftigſten Blüthen Honig zu ſaugen. Lieber Leſer, flattere mit mir in das fette Miſtbeet, worauf die gif⸗ tigen Blumen wachſen, deren Früchte die anonymen Briefe ſind. Sie ſind gepflanzt in Neid und giftiger Mißgunſt, gepflegt von Bosheit und übler Laune, und ſtatt des himmliſchen Thau's, der andere Ge⸗ wächſe erfreut, ziehen ſie ihre Nahrung aus ſtillen Schmerzensthränen, jenen armen Geſchöpfen erpreßt, die leider Gottes dumm genug waren — verzeih' mir den Ausdruck— eine anonyme Zuſchrift ſich zu Herzen zu nehmen.
Um mich minder blumig auszudrücken, ſo iſt der anonyme Brief
eine moraliſche Ohrfeige, die aus dem Dunkeln nach Deiner Wange gerichtet iſt, die Du aber durch ein kluges, vernünftiges Benehmen jeder Zeit pariren kannſt. Biſt Du Privatmann, ſo öffne nur ſolche Briefe, deren Siegel und Handſchrift Dir bekannt iſt. Neben den Schriftzügen Deiner Freunde wirſt Du es ja wohl gelernt haben, die Handzeichen Deiner achtungswerthen Gläubiger zu erkennen, denen Du, außer vielem Geld, von Zeit zu Zeit eine geringe Antwort ſchuldig biſt.


