Anonyme Briefe. 261
heute Abend zwiſchen 8 und halb 9 Uhr zu ſprechen. Sie wird ſich in der Nähe des Schiller aufhalten, und ein dreimaliges Huſten ſei das Zeichen. Dieſe Perſon, die es ſehr gut mit Ihnen meint, wird von heute ab drei Abende auf Sie warten. N. N.“
In der zweiten Claſſe bewegen ſich anſcheinend wohlgemeinte, aber deſto gefährlichere Correſpondenzen. Sie tragen oft die Unterſchrift eines braven Mannes,„der es gut mit Ihnen meint.“ Sie erzählen mit einer gewiſſen Entrüſtung von ſchlechten Gerüchten, die über Dich im Umlauf ſind, und fordern Dich auf, denſelben öffentlich entgegen zu treten. Nimm Dich aber in Acht, dieſen braven Männern un⸗ bedingt zu folgen; denn meint es ein braver Mann wirklich gut mit Dir, ſo wird er Dir ein derartiges Gerücht ſelber mittheilen und Dir helfen, der Quelle nachzuſpüren. In dieſe Claſſe kann man auch, biſt Du, geneigter Leſer, vielleicht ein Künſtler oder eine Künſtlerin, jene Briefe rechnen, welche ungefähr an eine Schauſpielerin ſprechen:
„Mein Fräulein!
Es thut mir ſehr leid, Ihnen anvertrauen zu müſſen, daß ein gewiſſer Kreis von ſchlechten Menſchen es auf Ihre Demüthigung ab⸗ geſehen hat. Vermeiden Sie es, in dem Stücke heute Abend aufzu⸗ treten. Sie können ſich unſern Schmerz denken, wenn Sie das Publikum, das Sie ohnedieß nicht liebt, mit lautem Pfeifen und Ziſchen empfinge. Ueberhaupt rathen Ihnen wohlmeinende Freunde, Ihr hieſiges Engagement baldmöglichſt mit einem andern zu ver⸗ tauſchen, da Sie ſelbſt fühlen müſſen, daß Sie dem Publikum und der Intentanz gleich ſehr zur Laſt ſind.“
Iſt die unglückliche Künſtlerin furchtſamer Natur, ſo hat der un⸗ bekannte Wohlthäter ſeinen Zweck erreicht, die Schauſpielerin iſt be⸗ fangen, und in den Applaus ihrer Freunde und Verehrer miſcht ſich hie und da ein leiſes Pfeifen. Es iſt aber hundert gegen eins zu wetten, daß dieſes pfeifende Vögelein daſſelbe i*ſt, aus deſſen anonymem Schweif die bewußte Feder gefallen.


