Teil eines Werkes 
25. Bd. (1860) Werke
Entstehung
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Familien⸗Concert. 267

die erſten Töne an und Herr Strammer begann. Es iſt eigenthüm⸗ lich, daß bei dieſem Geſange das Auge größere Unterhaltung hatte, als das Ohr. Es war in der That höchſt ergötzlich, anzuſehen, wie der Sänger ſein Notenblatt bald tief herabſenkte, bald hoch gegen das Herz erhob, dabei blickte er ſchmachtend gegen die Decke des Zimmers, öffnete und ſchloß die Augen, machte einen ſeltſam melancholiſchen Mund, und da dieſer Mund, ſowie das ganze Geſicht ſehr breit war, die Stirne aber höchſt niedrig, ſo ſah der Kopf des Herrn Strammer dem eines Froſches nicht unähnlich, der ſeine Serenade in die dunſtige Nachtluft hinausſingt; nur waren beide in der Farbe ſehr verſchieden, denn die unſeres Sängers ſpielte ſchon nach den erſten Takten in's Röthliche und ging bei einem hohen Tone, der ausgehalten werden mußte, ſo entſetzlich in's Bläuliche, daß man jeden Augenblick einen Schlagfluß befürchten konnte. Von dem Geſange ſelbſt iſt wenig zu ſagen; es war, als habe Herr Strammer einen eiſernen Ring um den Hals, der ſich bei jeder Anſtrengung noch mehr verengte und jeden Ton einzeln zerdrückte und erſtickte. Endlich waren ſeine Leiden zu Ende, man applaudirte und er trat ab. Dem Programm nach hätte er gleich darauf Kückens Lied ſingen ſollen, doch hatte ſich noch ein vielver⸗ ſprechender Baritoniſt gemeldet, eine viereckige Geſtalt, mit einer ge⸗ waltigen Bruſt, mit der er kokettirte, und langem, ſtraffem Haare, das er trotzig mit ſeinen fünf Fingern von der Stirne wegwarf. Er brüllte den Mönch von Meyerbeer, und es war ein Glück, daß er ſich hören ließ, denn ſeine gellende und krächzende Stimme erweckte die halb Eingenickten und ſchon Schlummernden in allen Zimmern.

Abermals Herr Strammer, diesmal war ſein Auftreten ſchmach⸗ tender, hingebender, auch zuverſichtlicher.Ach, wenn du wärſt mein eigen, lag ſeiner Stimme vortrefflich, und er hatte es bei ſich zu Hauſe ſo lange einſtudirt, bis es die Nachbarn überdrüſſig waren und ſein Hausherr ihm mit Aufkündigung gedroht. Jeder fühlende Leſer wird begreifen, was es ſagen will, vor einem geliebten Gegenſtande ſingen zu dürfen:

Ach, wenn du wärſt mein eigen, Wie lieb ſollt'ſt du mir ſein! In dieſe wenigen Worte und Töne kann man eine ganze Liebes⸗