264 Familien⸗Concert. Gemüth zu viel. Das Publikum ſchien ſichtlich befriedigt, aber drei Viertheile deſſelben gewiß wegen endlichem Aufhören dieſer Marter; alles applaudirte dem Spieler und beglückwünſchte ſich ſelbſt.
Nummer Zwei trat vor: Herr Sternbach, ein ſtrammer, unter⸗ ſetzter, junger Herr, der ſchon im Nebenzimmer, wo er nochmals ge⸗ ſtimmt hatte, die Geige zwiſchen Kinn und Halsbinde feſtklemmte den Bogen hoch erhob und ſo gerüſtet vortrat in die Schranken, wie ein biderber Ritter der alten Zeit mit Schild und Lanze. Den rechten Fuß feſt vorgeſetzt, riß er ſeine Melancholie herunter, daß es eine Freude und ein Vergnügen war. Da er ſelbſt durchaus nicht melan⸗ choliſch ausſah und es auch in der That nicht war, ſo ſchien er zu denken: warte, Melancholie, wir wollen dir zeigen, wo du her biſt! Er faßte ſeine Aufgabe ironiſch auf, ging der Melancholie im Allge⸗ meinen zu Leibe und riß das Publikum zu Beifall und Heiterkeit hin.
Fräulein Windel, die nun folgte, ließ dem denkenden Virtuoſen kaum Zeit, gehörig abzutreten; ſie ſchien den kleinen Rekruten in allen Gliedern zu fühlen und gab das Lied keck und unverzagt von ſich. Jeder Vers war für das allgemeine Publikum, der Refrain aber jedesmal für ihn, der hinter dem Ofen hervorſah und die Nuancen, welche ſie hineinlegte, wohl zu verſtehen ſchien. Als Fräulein Windel unter einem wahren Beifallsſturm geendigt, küßte ihr Lieutenant von W. zärtlich die Hand und ſagte:„Unter Ihrer Fahne einzutreten, mein Fräulein, wäre das höchſte Glück meines Lebens.“
„Bs— s— st!— Bs—— st!“ riefen nun die Kanzleibeamten Vater Zwickers, und Herr Wölfel, von dem nicht viel mehr zu ſagen iſt, als daß er ein kleiner Mann war mit einer großen Flöte und ſich in einem ſchwarzen Frack befand, führte Fräulein Laura ans Klavier, die ſehr ſchüchtern that und nur dann und wann aufzuleben ſchien, wenn ſie einen Blick gethan in jene Ecke, wo ſich die Porzellan⸗ figuren⸗Etagère befand. Die Phantaſie ſäuſelte los und machte bei den Zuhörern den Effekt, als wollte ſich Klavier und Flöte überbieten, welches von dieſen beiden Inſtrumenten am langweiligſten ſein könne. Die ganze Nummer wirkte nervenberuhigend; einige ältere Damen ließen, wie um die Muſik beſſer genießen zu können, ihre müden Häupter niederſinken, und ein alter Domänenrath hätte ſich faſt durch einen lauten Schnarcher


