Teil eines Werkes 
25. Bd. (1860) Werke
Entstehung
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Familien⸗Concert. 263

drohte, einen Selbſtmord zu begehen, die Stimmung des Klaviers war faſt um einen halben Ton gewichen und Herr Sternbach, der die Melancholie geigen ſollte, meinte, das ſei bei einer ſolchen tropiſchen Hitze, um ſelbſt melancholiſch zu werden.

Als die Vorbereitungen ſo weit gediehen waren, räuſperte ſich Herr Regierungsrath Zwicker laut, lange und auffallend. Die jüngeren Beamten ſeiner Kanzlei verſtanden dies Zeichen und forderten durch zahlreiche Bst! zur Stille auf. Bald legte ſich auch Gemurmel und Geräuſch im Salon, dann ebenfalls im anſtoßenden Zimmer und nach einer kleinen Viertelſtunde trat Herr Schwicheler vor, ein hoch aufgeſchoſſener, bleicher, junger Menſch, mit lang herabwallendem, blondem Haar und ſehr nichtsſagenden blauen Augen. Er ſtrich das Haar aus dem Geſicht, öffnete lächelnd ſeinen großen Mund, was er beſſer unterlaſſen hätte, dann zog er die Handſchuhe aus, warf ſie nachläſſig von ſich und ſank mehr auf den Stuhl, als er ſich darauf hinſetzte; auch knickte er hiebei ſo auffallend zuſammen, daß man hätte glauben können, es wandle ihn plötzlich eine Schwäche an, ſchnellte aber gleich darauf wieder in die Höhe, hob die Hände und fing an, auf das unglückliche Piano loszuhämmern, daß es zitterte, klagte und in allen Fugen krachte..

So ging der erſte Satz des Allegro vorüber, und beim Andante ſchien Herr Schwicheler etwas weniger ergrimmt. Er neigte ſein Haupt, und wenn man ſeine Finger ſo matt über die Taſten hin⸗ ſchleichen ſah, ſo hätte man meinen können, es gehe mit dem Mann zu Ende und in der nächſten Sekunde werde er mit einem unheimlich pfeifenden Tone ein für allemal aufhören. Aber leider hörte er nicht auf, wurde vielmehr beim dritten und letzten Satze, dem Rondo, gelenkig wie ein Froſch im Waſſer, der in großer Behaglichkeit mit allen Vieren zappelt. Dabei hüpfte Herr Schwicheler munter auf ſeinem Sitze hin und her, ſeine Füße hüpften für ſich allein, ſeine Finger ebenfalls, ja ſeine Naſe ſchien zu hüpfen und ſein langes blondes Haar. Endlich hatte er ausgehüpft und das Publikum aus⸗ gelitten. Beethoven iſt ein großer Meiſter, aber ſeine Sonate pathe⸗ tique ſtehend hören zu müſſen bei einigen dreißig Graden Hitze, ein⸗ gekeilt in einen Menſchenhaufen, das iſt ſogar für ein klaſſiſches