Spaziergaͤnge des Herrn Sträuber. 237
aber die Sache für zu geringfügig, um deßhalb nochmals in den Laden zurückzukehren.
Hierauf verließ Herr Sträuber die Hauptſtraßen und wandte ſich den ſtilleren und entlegenern Stadtvierteln zu. Er ſchritt ge⸗ dankenvoll durch eine enge Gaſſe, die auf einen freien Platz mün⸗ dete, wo ſich eine Kirche befand. Es war dies ein altes Gebäude mit dicken Strebepfeilern, zwiſchen denen man kleine Kramladen eingebaut hatte. Die Kirche ſtieß mit dem Chor an ein altes Klo⸗ ſter, das den Platz abſperrte, und in welchem ſich nur ein langer und finſterer Thorweg befand, der die einzige Verbindung zwiſchen hier und den hinten liegenden Straßen war. Dieſem Eingange ſchlenderte Herr Sträuber zu, mit außerordentlich langſamen Schritten, und zwar ſo langſam, daß er ein kleines Mädchen von acht bis zehn Jahren, welches mit einem Körbchen in der Hand vor ihm ging, nicht einmal überholte, doch blieb er dicht hinter ihr und betrat faſt zu gleicher Zeit mit der Kleinen das einſame halbdunkle Gewölbe. Dann blickte er ſcharf ausſpähend vorwärts und rückwärts, und als er kein menſchliches Weſen weder auf dem Platze noch in der anderen Straße gewahrte, hatte er mit einem Schritt das Mädchen erreicht, faßte ſie mit raſchem Griff feſt an ihrem Hals und ſagte:„ſobald du ſchreiſt, bring' ich dich um!“ — Das arme Geſchöpf war wie vom Schlage gerührt, und wenn ſich auch ihr Mund krampfhaft öffnete, ſo brachte ſie doch keinen Laut hervor, fing aber an leiſe zu weinen, als er ſie nun bis in die Mitte des Thorwegs ſchleppte, ihr dort mit großer Geſchick⸗ lichkeit die kleinen goldenen Ohrringe entriß, und dann, ihr noch⸗ mals mit der Fauſt drohend, in raſchen Sprüngen entſchwand. Hinter dem Gewölbe bog er rechts in eine kleine Gaſſe, dann links in eine andere, und beeilte ſich ſoviel als möglich, in ein anderes Stadtviertel zu kommen, was ihm auch nach einer kleinen Viertel⸗ ſtunde ungefährdet gelang.


