Einundvierzigſtes Kapitel.
chenes Herz etwas ſo unendlich Beruhigendes und zugleich Ver⸗ führeriſches. Es iſt gefährlich, an ſtillen Waſſern vorüber zu gehen, wenn Einem die Seele mit Kummer und Schmerz beladen iſt; anfänglich beugt man ſich ohne Abſicht auf die Fluthen nieder, tiefer und immer tiefer, und kann den Blick nicht mehr wegwenden von der geheimnißvollen Fläche. Iſt doch da unten ein ewiges Vergeſſen zu finden für Alles, was uns hier im Leben geängſtigt und bedrückt.—
Er, der einſam hier au der Barridre ſtand, hatte dieſelben Gedanken, und ſein Auge erweiterte ſich, als er nun mit ſich im Reinen war und ſo tief ſinnend auf das dunkle Waſſer ſah. Er vermochte es nicht, den Blick abzuwenden, während er haſtig die letzte Scheidewand überkletterte, die zwiſchen ihm und dem Tode ſtand. Erſt, als er tief athmend ſich jenſeits derſelben befand, brachte er es über ſich, noch einen Blick rückwärts zu werfen auf die Stadt, deren Häuſer ſtill und finſter da lagen.——
— Doch wie er ſo um ſich ſchaute, faßte er unwillkür⸗ lich wieder die Schranke hinter ſich feſter mit den Händen, denn mit einem unerklärlichen Entſetzen bemerkte er, nicht zwei Schritte von ſich, in unbeſtimmten Umriſſen eine Geſtalt, die gerade ſo an der Barrisre lehnte, wie er einen Augenblick vorher. Sie war in einen weiten dunkeln Mantel gewickelt und hatte entweder ein Ende deſſelben um den Kopf geſchlungen oder ihn mit einer Kaputze ver⸗ hüllt, denn man bemerkte weder Schultern noch Hals; das Ganze war nur eine unförmliche ſchwarze Maſſe, die aber ein Geſicht hatte, denn Herr Beil ſah deutlich zwei Augen glänzen, die ihn forſchend zu betrachten ſchienen.
Daß ſich ſeine Nerven in dieſem Augenblick in höchſter Auf⸗ regung befanden, wird uns Jeder glauben, und ebenſo, daß er mehr als überraſcht war, hier in der ſtillen Nacht in tiefer Einſamkeit, wo er ſich fern von jedem menſchlichen Weſen glaubte, ſo plötzlich


