Papier und Schlüſſel. 41
tragen war, weßhalb denn auch das Mädchen mit einem leichten Seufzer ihre Augen ſchloß in der feſten Ueberzeugung, es ſchließe nun auch ihr Leben mit einem ſüßen Ende oder es geſchehe ihr ſonſt etwas Schreckliches.— Und ſo war es auch; denn kaum ſchloßen ſich ihre Augen, ſo fühlte ſie den weichen Druck zweier fremder Lippen auf den ihrigen, und ein unnennbares Gefühl durchzuckte ſie ſo heiß und ſtürmiſch, daß ſie in der That einer halben Ohnmacht nahe war.
Wie ſchon oben angedeutet, hatte der rechte Arm des jungen Mannes die Lehne des Fauteuils zur gelegenen Zeit verlaſſen, hatte ſich um ihren ſchlanken Körper gelegt und drückte ſie leicht auf die Seite, während ſeine linke Hand langſam ihre rechte er⸗ hob,— dieſelbe rechte Hand, um deren Zeigefinger ſie das bewußte Papier geſchlungen hatte. Als der Baron ſo dieſe Hand erhob, that er es gewiß nur in der Abſicht, um zuerſt die kleinen nied⸗ lichen Fingerſpitzen zu küſſen, und darauf das gleiche Geſchäft bei den feinen Grübchen auf den Knöcheln zu verſehen. Begreiflicher Weiſe mußte er zu dieſem Zwecke den Papierſtreifen abwickeln, was er denn auch muthwillig, ſcherzend that. Auguſte, die nun das A des Liebesalphabets glücklich hinter ſich hatte, ging, wenn auch mit feuchten Augen gerne durch dieſen Scherz auf das B über, ja ſie lächelte recht freundlich, als nun der Baron das Papier neckend um jeden einzelnen Finger wickelte, dieſen darauf küßte und es dann wieder entfernte. Das war ein recht harmloſes Spiel, das auch ziemlich lange fortgeſetzt wurde; bald aber verſchwand der Streifen gänzlich von der Hand und alsdann begnügte ſich der junge Mann nicht mehr damit, daß er die Hand küßte, ſondern er wandte ſich nun an den Arm und avancirte dort über glattes Gold und kalte Steine hinweg und ſo weit hinauf, bis undurchdring⸗ liches Spitzengewebe und ein anſchließender ſeidener Aermel ſeinen weiteren Forſchungen für diesmal ein Ziel ſetzten.
Es iſt wunderbar, wie ein erſter gelungener Kuß im Stande


