40 Vierundzwanzigſtes Kapitel.
Während der Baron dieſe Worte ſprach, beugte er ſich vorn über, ſo daß der Hauch ſeines Mundes ihre Stirne berührte. Auch faßte er bei den letzten Worten eine ihrer Hände, hob ſie ſanft empor und drückte ſie feſt, innig und zu wiederholten Malen an ſeine Lippen. 3
Das Mädchen ſchrak zuſammen, ihr Körper zuckte ſichtlich, und dabei zog ſie den linken Fuß, der bis jetzt auf dem Papier geſtanden, zurück, während ſie zu gleicher Zeit das erröthende Ge⸗ ſicht gegen den Boden wandte.— Vielleicht um ihre Verlegenheit zu verbergen, vielleicht auch um ihre Hand auf ſchickliche Art denen des Barons entziehen zu können, beugte ſie ſich haſtig vorn über, ihre Blicke ſuchten irgend einen Gegenſtand, und da ſie ſo zufällig vor ſich das bewußte Papier erblickte, ſo bückte ſie ſich ſchnell darnach, hob es auf, glättete es auf ihrem Knie und legte es als⸗ dann zu einem langen Streifen zuſammen, den ſie ſich langſam um den Finger wand.
Während dieſer bedeutungsvollen Pauſe hatte indeſſen Herr von Brand ſeine Zeit nicht verloren. Er rückte ſeinen Fauteuil noch etwas näher zu dem Mädchen hin, legte ſeinen Arm geſchickt auf die Lehne des Stuhles, von wo er nur langſam herabzuſinken brauchte, um genau die Stelle ihrer feinen Taille zu treffen. Da⸗ bei blickte er ihr von unten herauf ſanft lächelnd in die Augen, und während er natürlicher Weiſe für ſeine Kühnheit von vorhin — ihr nämlich die Hand geküßt zu haben— um Verzeihung bat, beging er eine noch weit größere, da ſie nicht ſogleich eine Ant⸗ wort gab, indem er ſeine Hand ihrem Kinne näherte und ihren Kopf ganz leiſe hob und aufwärts wandte; und er that das mit einem Blicke voll Innigkeit und Liebe.—— Dem konnte das Mädchen nicht widerſtehen, weil ſie hiezu nicht den feſten Willen hatte, doch ſchlug eine tiefe Röthe auf ihrem Geſicht empor, als ſie ihm, doch nur eine Sekunde lang, feſt in die glühenden Augen ſchaute. Aber ſein Blick war ſo feurig, daß er unmöglich zu er⸗


