20 Zweiundzwanzigſtes Kapitel.
hinauf, die ſich oben theilte, links zu den Kanzleien, rechts zu der Wohnung des Präſidenten führte. Die letztere Richtung nahm der Baron, und bei der großen Glasthüre angekommen, zog ereziem⸗ lich ſtark an der Klingel. Ein Bedienter, welcher öffnete, machte eine tiefe Verbeugung und führte ihn in einen eleganten Salon, wo er ihn mit den Worten allein ließ, er werde der gnädigen Frau augenblicklich den Beſuch des Herrn Baron melden und er zweifle auch nicht, daß die gnädige Frau ſichtbar ſeie.
Das war denn auch der Fall; der Baron brauchte nur kurze Zeit zu warten, die er dazu anwandte, ſich vor das Bild einer ziem⸗ lich hübſchen und ſehr wohlbeleibten Frau zu ſtellen, und dort wie im Entzücken verſunken ſtehen zu bleiben. Endlich hörte er eine Thüre öffnen und fuhr mit einem halberſchreckten„ah!“ herum, als er das Original dieſes Bildes erblickte, welches ſanft lächelte, da es ſeine Verwirrung bemerkte.
Dieſes Original, die Gemahlin des Polizei⸗Präſidenten, war nicht mehr ganz ſo hübſch wie das Portrait, wohl aber noch um Einiges beleibter. Sie verwandelte ihr ſanftes Lächeln in ein freundliches, als ihr der Baron, den Hut in beiden Händen hal⸗ tend, verbindlichſt näher trat und mit Beziehung auf das Gemälde, bei deſſen Anſchauung man ihn ertappt hatte, ausrief:„ah! gnä⸗ digſte Frau, ſo oft ich eben das Bild betrachte, haſſe ich unſern Künſtler immer mehr;— was hätte er daraus machen können!— Ein ſo lohnendes Werk!— Doch ſchweigen wir von der Copie, da ich ſo glücklich bin, dem ſchönen Original die Hand küſſen zu dürfen.“ Darauf führte er die dicken Finger der Präſidentin an ſeinen zierlich zuſammengezogenen Mund und ließ ſich auf einen Fauteuil nieder, wohin ihm die gnädige Frau dankbarlichſt winkte.
„Sie werden gewiß erſtaunt ſein, daß ich Ihnen ſchon wieder käſtig falle,“ ſagte der Baron, nachdem er ſich auf's Zierlichſte ge⸗ ſetzt, mit einem ſüßen Lächeln;„aber es müſſen ſchon vier Wochen ſein, daß Sie die Gnade hatten, mich letztmals zu empfangen.“
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