Teil eines Werkes 
16. Bd. (1855) Werke
Entstehung
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Richard und Marie. 235

Finger gleiten und ſetzte mit ruhigem Tone hinzu:du haſt mich alſo geſucht! nun denn, was ſolls?

Marie erzählte nun ihrer Collegin von der armen Näherin, von dem Kinde, das man derſelben geraubt, von dem man aber den Todtenſchein beigebracht, und das ſich nun wahrſcheinlich irgendwo befände, wo es, ſo befürchte die Mutter, langſam dahin ſiechen werde.

Ueber die Züge Thereſens hatte ſich während dieſer Erzählung ein ſo höhniſches, ja böſes Lächeln gelagert, daß man ordentlich davor zurück ſchrecken konnte. Sie biß ihre Zähne auf einander und ſchien angelegentlich die Spitze ihres ſeidenen Schuhes zu be⸗ trachten. In Wahrheit aber ſchaute ſie weit hinaus durch Gebälk und Fundament, tief in die Erde und mußte dort etwas Schreck⸗ liches erblicken, denn plötzlich ſchrak ſie auf, ſchauderte zurück und preßte ihre Hand mit einem tiefen Athemzuge auf's Herz.

Du haſt mich nicht angehört, ſagte Marie, während ſie ihre Freundin ängſtlich betrachtete.Du haſt mich gewiß nicht verſtanden.

Oh! es iſt leicht, das zu verſtehen, entgegnete Thereſe;ich begreife dich vollkommen und weiß was du willſt. Es gibt ſolche Orte, wo man kleine Kinder aufbewahrt, bis der gnädige Gott ſie zu ſich abruft. Aber dahin zu kommen, iſt ſehr ſchwer; ſie ſind verſchloſſen wie das Grab, deſſen Vorzimmer ſie ja auch ſind. Laß' mich nachdenken; mit Gewalt durch die Polizei iſt nichts zu machen, ſie hat ja einen Todtenſchein erhalten, alſo exiſtirt das Kind eigentlich nicht mehr. Wenn ich mich auch irgendwo hinwenden wollte, wo eine ſolche Anſtalt beſteht, glaube mir, man läßt mich eben ſo wenig eindringen, wie die Mutter jenes Kindes. O, die ſind ſchlau wie der Teufel!.

Aber du könnteſt mir doch eine Adreſſe geben, damit ich's ihr mittheile.

Die ziehen bald hierhin, bald dorthin. Aber wart' ein⸗

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