Neunzehntes Kapitel.
falls nachdenkend geworden, und als die Andere nun abermals hinab hüpfte, um Thereſe aufzuſuchen, blieb ſie droben in der Fen⸗ ſterecke ſitzen, ſtützte den Kopf auf die Hand und verſank in tiefe Träumereien.
Thereſe befand ſich noch immer hinter der erſten Couliſſe; ſie hatte ihren rechten Fuß auf einen kleinen Schemel geſtellt und hielt ſich mit der einen Hand an der Ranke einer Waldblume, die über ihrem Kopfe herab hing.„Wo ſteckſt du denn, mein Schatz?“ rief ſie der heran kommenden Marie zu.„Ich habe ſchon nach dir geſehen, aber du warſt verſchwunden.— Ich hoffe doch nicht—⸗
„Ich ſuchte dich auf der anderen Seite,“ entgegnete Marie.
„Haſt du was Neues erfahren?— Von ihm— von dem ſau⸗ beren Herrn auf der zweiten Gallerie?“
„Nein, nein! Meine Tante läßt mich, Gott ſei Dank! in Frieden; ſie hat in den letzten Tagen nichts darüber geſprochen; ich hoffe ſchon, ſie hat meinen inſtändigen Bitten Gehör gegeben.“
„So, das hoffſt du?“ erwiderte Thereſe.„Da kennſt du die Alte ſchlecht. Ich will dir gelegentlich einmal erzählen, wie ſie es mir gemacht hat. Nimm dich aber zuſammen, das rathe ich dir. Der, den du mir da oben gezeigt haſt, läßt nicht ſo leicht nach, das iſt einer von den ſtillen Scheinheiligen, die im Trüben fiſchen und im Dunkeln langſam aber ſicher gehen.“
„Aber am Ende habe ich dech meinen freien Willen!“ ſagte ängſtlich Marie.
„Den haſt du nicht, arme Sklavin,“ entgegnete die Andere, indem ſie ſich hoch aufrichtete. Schau mich an, ich ſehe auch ge⸗ rade nicht aus wie Jemand, der ſich leicht zwingen ließe. Und doch— man wird am Ende müde.— Aber ſprechen wir nicht mehr darüber!“ Damit warf ſie die Oberlippe trotzig in die Höhe, ließ die Federn ihres Kopfputzes langſam durch ihre


