232 Neunzehntes Kapitel.
an einem kleinen armſeligen Grabe und legte auf Dornen und Di⸗ ſteln, die dort wucherten, einen friſchen Kranz von duftenden Roſen. — Ah! wenn das wahr würde!
Da ſchrak ſie empor, denn draußen im Saale applaudirte gerade das Publikum lang und heftig;— etwas von ihren Phan⸗ taſteen war der Wahrheit gemäß, denn wenn auch nicht neben einem Grabe, ſo ſtand ſie doch Hand in Hand mit Richard auf der halb dunkeln Bühne, und er ſagte lachend:„na, Mädel, lange genug haſt du dich bedacht, ob du Ja oder Nein ſagen ſollſt.—— Nun, was iſt's, Marie? Bin ich dir angenehm oder nicht? Willſt du es mit mir wagen oder haſt du auch ſo verfluchte Liebſchaften im Kopf wie die Anderen und willſt lieber ein kurzes luſtiges Leben führen?“
„Nein, nein,“ entgegnete eifrig das Mädchen,„gewiß nicht, Richard.“ 1.
„Na, ich glaub's ſchon,“ verſetzte er gutmüthig.„Ich glaube, daß du ein braves, ehrliches Mädchen biſt; es iſt das freilich ein Wunder, wenn man deine Tante— die Gott verdammen ſoll!— anſieht. Aber glaub' mir, Marie, ich habe dir aufgepaßt, ſo ge⸗ nau ich konnte, und namentlich immer auf deine Arme und Hände geſehen—“
„Und warum das?“ fragte ſie lächelnd unter Thränen, die langſam aus ihren Augen hervor quollen.
Ci, das will ich dir ſagen,“ entgegnete er luſtig.„An den Armen und Fingern ſieht man's gewöhnlich bei euch zuerſt, weißt du, da laſſen ſich auf einmal verdächtige Ringe ſehen und eine Armſpange; und das ſind des Teufels Ketten, mit denen ihr feſt geſchloſſen werdet.— Neulich hatt' ich dich ſchwer im Verdacht.“
„Ich weiß, ich weiß,“ erwiderte ſie fröhlich.„Da hatte mir auf der Bühne Thereſe eins von ihren Armbändern geliehen. Ich mußte doch als Hofdame geſchmückt kommen!“
„Jetzt aber plaudern wir bald eine Viertelſtunde zuſamuten,“


