Richard und Marie. 231
gegeben. Was wollte ſie auch? Er war der einzige Sohn eines ziemlich vermöglichen Vaters, ein hübſcher Menſch, dem wohlhabende Bürgerstöchter nachſchauten, und in ſeinem Handwerke, der Zimmerei, ſo wohl erfahren, dabei mit der Mechanik des Theaters ſo wohl vertraut, daß ihm hier eine dauernde Anſtellung nicht fehlen konnte. — Und nun ſagte er ihr mit einfachen Worten, daß er nur an ſie denke, daß er ſie liebe.—
Das Mädchen ſchrak ordentlich zuſammen und in ihrem Geiſte tauchten allerlei ſeltſame und ſchöne Phantaſieen auf. Sie glaubte, daß er wahr ſpreche; ach! und dieſer Gedanke war doch zu ſüß, um ihn unbedingt annehemen zu können. Sie, in den traurigſten und gedrückteſtn Verhältniſſen geboren und erzogen, bis jetzt von dem fürchterlichen Willen ihrer Tante abhängig, ſollte einſtens noch glücklich werden können, ſollte nicht untergehen in dem Abgrund, neben dem ſie ſchon lange gewandelt; denn daß es Richard mit ihr ehrlich meine, wenn er es einmal geſagt, davon war ſie feſt über⸗ zeugt. Er war als ſehr ſolid und arbeitſam ſelbſt bei den Thea⸗ terleuten bekannt, und ſogar der Intendant hielt große Stücke auf ſeine Redlichkeit und gab Alles auf ſein Wort, denn bei ſchwieri⸗ gen Flugwerken zum Beiſpiel mußte ſich Richard immer zuletzt überzeugen, ob Rollen und Taue auch in Ordnung ſeien, und erſt wenn er geſagt, es ſei Alles richtig, gab ſich der Chef zufrieden.
Marie hatte nicht bemerkt, daß während ſie ſo träumte, Ri⸗ chard ihre beiden Hände ergriffen hatte und freundlich lachend den Verſuch machte, ihr in die niedergeſchlagenen Augen zu blicken. Sie ſah das lange nicht, denn jetzt plötzlich fielen ihr die Worte der armen Katbarine ein, als ſie zu ihr geſagt: wenn du einmal einen braven Mann haſt und es dir gut geht, und du haſt eine halbe Stunde Zeit, ſo beſuche mein Grab und gib meinem armen 3 Kinde, wenn es noch lebt und du es in einer Ecke ſtehen ſiehſt, ein kleines Almoſen.—— Dieſe Worte verwandelten ſich in ein freundliches Bild, und ſie ſtand mit Richard Hand in Hand


