Teil eines Werkes 
16. Bd. (1855) Werke
Entstehung
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224 Neunzehntes Kapitel.

Lieber Leſer, der du vielleicht nicht weißt, wie eine Sängerin⸗ Mutter beſchaffen iſt und woran ſie zu erkennen, betrachte dir wäh⸗ rend der Vorſtellung eine Dame, die, ehe der Akt anfängt, hinter der Prima⸗Donna die Bühne betritt, ihr während des Gehens den Schleier in maleriſche Falten wirft oder eine Feder etwas kokett herab biegt; die ihr bei langen Kleidern die Schleppe ſorgfältig nachträgt und meiſtens eine große Taſche am Arm hat, worin ſich kölniſches Waſſer, Eibiſchſaft, etwas Huſtenzucker und ein Fläſchchen mit Gerſtenſchleim befindet, eine Frau, gewöhnlich nicht ſehr groß, aber meiſtens wohlbeleibt, gekleidet mit einer halb verbliche⸗ nen, kümmerlichen Eleganz. Wenn du ſie näher anſchauſt, erinnerſt du dich dunkel, jene Mantille oder dieſen Kopfputz früher einmal auf der Bühne geſehen zu haben. Sie lobt ihre Tochter in den Zwiſchenakten, damit dieſe den Muth nicht verliert, ſie bringt ihr einen Stuhl, bis eine neue Scene kommt, und dann ſchickt ſie die⸗ ſelbe mit einer guten Ermahnung hinaus vor die Lampen. Iſt die Sängerin⸗Mutter früher ſelbſt Sängerin geweſen, ſo bleibt ſie an der Couliſſe ſtehen und ſingt die ganze Partie mit, natürlich leiſe, wobei ſie ſich geſteht, daß ſie das zu ihrer Zeit Alles viel beſſer und ſchöner gemacht, daß es keine Stimme mehr gäbe, daß die Kunſt zu Grabe gehe und daß ſie ſelbſt der letzte Mohikaner ge⸗ weſen. Iſt die Sängerin⸗Mutter aber eins jener harmloſen We⸗ ſen, das zu Hauſe kocht, waſcht, bügelt, auf der Straße die Son⸗ nen⸗ und Regenſchirme trägt, ihre Tochter auf allen Reiſen be⸗ gleitet, im Vorzimmer ſchläft, die zudringlichen Courmacher abweist, ſowie die guten Freunde des Hauſes unterhält, bis Mademoiſelle ihre Toilette gemacht, die aber dafür keine Vergangenheit hat, und, wenn ſie einmal nach Hauſe ſchreibt, nur verſtohlener Weiſe den Na⸗ men des kleinen Gäßchens auf die Adreſſe ſetzt, wo ſie einſtens ge⸗ lebt, ſo trippelt ſie hinter den Couliſſen auf und ab, folgt ſeit⸗ wärts der Tochter in großer Angſt, bald vor⸗ bald rückwärts, ent⸗ ſetzt ſich über die Todtenſtille des Hauſes oder athmet tief auf bei

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