Hinter der achten Couliſſe. 209
die ſich ebenfalls oft hinter der achten Couliſſe einfindet, aber dem Range nach eigentlich ſpäter genannt werden müßte. Es iſt dies der Schneidergehülfe Herr Schellinger, eine kleine dürftige Geſtalt mit ſtark gekrümmtem Rücken und etwas zitternden Händen. Herr Schellinger war an die Sechszig, hatte Zeit ſeines Lebens in jeder Beziehung ſtark gearbeitet und erfreute ſich nun dafür ziemlich dürftiger Umſtände und einer mangelhaften Geſundheit. Er war ein denkender Künſtler geweſen, ein Mann von tiefer Phan⸗ taſie, und da er auf dem Schneidertiſche ſo viele freie Stunden hatte, in denen ſein Geiſt unabhängig von der Knechtſchaft der Nadel umher ziehen konnte in der weiten Welt, ſo reiste er be⸗ ſtändig, das heißt immer in Gedanken, und hatte dabei die Eigen⸗ thümlichkeit, daß er ſich nach der Rückkehr von einer ſo weit aus⸗ geſponnenen Tour ſteif und feſt einbildete, er habe wirklich dieſe Reiſen gemacht, und daß er die wunderbarſten Dinge davon er⸗ zählte.— Wenn er in der Garderobe mit dem Anziehen fertig war, ſo ſtahl er ſich auf die Bühne und placirte ſich meiſtens in die Nähe des erſten Maſchiniſten, von dem er komiſcher Weiſe behaup⸗ tete, es ſei auf der ganzen Welt Niemand, der ſo lügen könne wie der Herr Hammer. Deßhalb paßte er auch jedem Worte deſſelben auf und ſuchte ihm augenblicklich nachzuweiſen, wo er blau färbe.
Auf der linken Seite des Thronſeſſels befand ſich ein ſchwarzer Sarg, der aus der letzten Scene von Romeo und Julie, die geſtern Abend auf der Bühne geliebt und gelitten, ſtehen geblieben war. Auf dem Kopfende deſſelben ſaß der Garderobegehülfe, die Hände über den Knieen gefaltet, den Kopf etwas nach der linken Seite geneigt, um beſſer hören zu können. Neben ihm be⸗ fanden ſich ein paar Zimmerleute: rechts vom Throne ſtand eine Geſtalt, die des näheren Betrachtens werth iſt.
Es war dies ein kleines zartes Männchen in einem abgeſchabten.
Hackländers Werke. XVI. 14


