Teil eines Werkes 
16. Bd. (1855) Werke
Entstehung
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Falſches Zeugniß. 203

ja, Marie. Gott erhalte deine Unſchuld; ſie nennen das keinen Mord, wenn ſo ein Kind langſam dahin ſiecht.— Es iſt dann geſtorben.“—

Die Tänzerin bedeckte ihr Geſicht mit beiden Händen und fin⸗ ſtere Gedanken bewegten ihr Herz. Hatte ſie in der Umgebung, wo ſie ſich befand, vielleicht eine beſſere Zukunft zu gewärtigen, als die Unglückliche, die vor ihr ſaß? Hatte ihre Tante nicht ſchon Andeutungen genug fallen laſſen über nutzlos verſchwendete Ju⸗ gend und Zeit, über ein Kapital, das man nicht ruhig könne liegen laſſen und das ſeine Zinſen tragen müſſe!— Gräßlich! gräßlich!—— Und das unglückliche Mädchen vor ihr hatte doch der Liebe Alles gegeben, was ſie beſaß, ſie aber ſtand in Ge⸗ fahr, verkauft zu werden wie die geringſte Sklavin!— 4

Wie dank' ich dir, Marie,“ ſagte die Näherin, die ſich allmä⸗ lig wieder erholt,„wie dank' ich dir für deine Güte, für deine Hülfe! Glaube mir, ich will für dich beten und es wird dir keinen Unſegen bringen.— Für mich ſelbſt wag' ich es kaum; du biſt ſo gut, ſo unſchuldig, ſo friſch und geſund und kannſt einmal recht glücklich werden. Dann denke auch zuweilen an mich, die gewiß lange todt iſt. Und wenn du, liebe, gute Marie,“ fuhr ſie leiſer fort, indem ſie ihre beiden Arme um den Hals der Tänzerin ſchlang, „wenn du einmal einen braven Mann haſt und es dir gut geht, und du haſt eine halbe Stunde Zeit, ſo beſuche mein Grab und gib meinem armen Kinde, wenn es noch lebt, und du es an irgend einer Ecke ſtehen ſiehſt, ein kleines Almoſen.“

Bei dieſen Worten ſtürzte ein erleichternder Thränenſtrom aus den Augen Katharinens, und beide Mädchen hielten ſich eine Zeit lang umſchlungen und weinten heftig; die Eine, indem ſie mit trübem Blick an die Vergangenheit dachte, die Andere, indem ſie finſter in die Zukunft ſchaute.——

Der laute Klang eines Glöckchens vor dem Fenſter riß ſie aus ihren Träumereien empor.