Falſches Zengniß. 1 201
länger auf der Welt? Wenn ſie heute nicht erliegt, treibt ſie es doch vielleicht kein halbes Jahr mehr.“
Unterdeſſen hatte ſich die Tänzerin über die Ohnmächtige hin⸗ gebeugt und ihre friſchen Lippen berührten faſt den bleichen Mund der Anderen, während eine ſchwere Thräne um die andere aus ih⸗ ren Augen herabrann.
„Seid doch ſtille!“ bat ſie nach einer Pauſe.„Sprecht nicht ſo laut, man ſagt, ſo Ohnmächtige könnten manchmal Alles hören, was man neben ihnen ſpricht. Seht, ſie iſt gewiß nicht todt, ihre Lippen zittern, ihre Augen fangen an ſich zu bewegen.“
„Ich habe genug von vorhin,“ ſagte die Bauersfrau,„und habe nicht Luſt noch einmal dieſelbe Geſchichte zu hören. Wenn ſie wirklich wieder aufwacht, ſo gebt ihr den Todtenſchein, er iſt ächt und richtig.“— Sie warf Madame Becker einen bedeutſamen Blick zu.—„Auch kann ſie die Bettchen und Kleider holen, wenn ſie will.“
„Ich werde es ihr ſagen,“ entgegnete Madame Becker mit einem ſcheinheiligen Ausdruck im Geſicht;„und was die Begräb⸗ nißkoſten anbelangt, ſo kann Sie ſich an mich halten, Frau. Du lieber Gott! man hilft gern ſo einer armen Creatur ihren Kum⸗ mer lindern.“.
„Sind nicht groß, die Koſten,“ verſetzte kopfſchüttelnd die Bauersfrau;„meine Schweſter hat's heute Früh beſorgt in ihrem Dorfe. Es war das ein kleines Loch, wenig Arbeit. Jetzt liegt ſchon der Schnee darauf; das wird ihr ein Troſt ſein,— denn wenn ſie's nächſtes Frühjahr aufſuchen kann,“ ſetzte ſie mit be⸗ deutſamem Achſelzucken hinzu,„ſo iſt ihr Jammer auch ſchwächer geworden.— Adieu, Jungfer Marie!“
Die Tänzerin nickte ſtumm mit dem Kopfe ohne aufzublicken, denn ſie war beſchäftigt, das Geſicht der Ohnmächtigen abermals zu waſchen.
Madame Becker ſteckte ihre Schnupftabaksdoſe in die Taſche,


