Teil eines Werkes 
16. Bd. (1855) Werke
Entstehung
Einzelbild herunterladen

200 Siebenzehntes Kapitel.

„Es iſt nicht todt,“ hauchte das Mädchen kaum vernehmlich. —„Es lebt, aber ſie haben es fort gebracht.“

—„Mir geſtohlen—!“

„Wohin ſie es gebracht haben, weiß ich nicht, aber ich erfahre es; ſei ganz ruhig. Wir haben auch unſere Freunde!“

„Sie haben es fort gebracht! O ich kann mir denken, um es zu verderben— das arme kleine Kind! Glaubſt du nicht auch, Marie?“

Jetzt nickte die Tänzerin traurig mit dem Kopfe.

„Sie hätten es geſchwind umgebracht, aber ſie fürchteten ſich. O ich kann mir denken, wohin ſie es gebracht haben. Zu ſo einem ſchrecklichen Weib, da wollte er damals ſchon, ich ſollt' es hinthun. Gott! mein Gott! Da brauchen ſie es nicht auf einmal umzubrin⸗ gen, da geht es langſam zu Grunde, da ſtirbt es ſtündlich— täglich— an— Hunger— Kälte—— Elend!—“

Bei dieſen letzten Worten ſank das arme Geſchöpf abermals in die Kiſſen zurück, ihre Augen ſchloſſen ſich und fielen tief ein, und zwiſchen den bleichen Lippen zeigte ſich ein einziger Bluts⸗ tropfen.

„Sie ſtirbt!“ rief die Tänzerin.„Sie ſtirbt!“ ſchrie ſie laut hinaus.

Und auf dieſen Ruf hin kamen die beiden Weiber aus dem Nebenzimmer heraus und traten an den Seſſel.

„Die arme Creatur!“ ſagte Madame Becker und ſtellte ihre Schnupftabaksdoſe auf den Tiſch, um eine der kalten Hände Ka⸗ tharinens zu ergreifen, die jetzt ſchlaff herunter hingen. Der Puls⸗ ſchlag zitterte nur noch in den Adern und ſchien nächſtens ganz erlöſchen zu wollen.

Aber das menſchliche Herz iſt ſtark und leiſtet faſt das Unmög⸗ liche im Ertragen von Jammer und Elend.

„Wenn ſie ſterben würde,“ ſprach die Bauerfrau,„es wär das wahrhaftig kein Unglück für ſie. Was ſoll die auch ein wenig