26 Z weites Kapitel.
auch vor dem erſten Tänzer, der ſich ihr anfänglich auffallend ge⸗ nähert hatte, dem ſie aber mit ihrem richtigen Gefühl ſchaudernd auswich. Ueberhaupt konnte ſie ſich nie mit dem wilden Treiben vieler der anderen Tänzerinnen befreunden und nahm deßhalb eine iſolirte Stellung ein, die häufig Veranlaſſung war, daß ſie Spott und Neckereien aller Art ertragen mußte. Mamſell Marie war die Einzige, welche mit großer Anhänglichkeit an Clara hing, ſie wahr⸗ haft verehrte und faſt unterthänig gegen ſie war, wie gegen eine Gebieterin.
Die beiden Mädchen waren ſtillſchweigend übereingekommen, Monſieur Fritz ſo wenig als möglich in Anſpruch zu nehmen, und da ſie ſich ſchon ſeit längerer Zeit ſo gegenſeitig bedienten und, na⸗ mentlich Clara, eine große Fertigkeit erlangt hatten, ſo wurde es ihnen nicht ſchwer, ſich gegenſeitig die kunſtvollſten und ſchwierig⸗ ſten Friſuren zu machen. Dadurch waren ſie meiſtens vor allen Uebrigen fertig; ſo auch heute, und als in allen Zimmern und vor allen Schränken noch große Bewegung herrſchte, hatten ſie ihre gewöhnlichen Kleider ſchon aufgeräumt und beſchäftigten ſich, völlig angezogen, mit etwas Anderem.
Dieſe Beſchäftigung war aber ſehr verſchiedener Art: Clara hatte ſich vor ihr Schränkchen geſetzt, das zweite Paketchen ihrer Näherei geöffnet und fing an zu arbeiten, während Marie an dem Fenſter lehnte und mit gefalteten Händen in die dunkle Nacht hin⸗ ausſah. Uebereinſtimmend aber waren die Geſichtszüge beider Mädchen: auf beiden lag ein tiefer Schmerz und die etwas geröthe⸗ ten Augen zeigten Spuren von häufigem Weinen. Clara hatte ſtark Roth auftragen müſſen, um die durchdringende Bläſſe ihres Geſichts zu bewältigen. Weßhalb die am Fenſter geweint, haben wir bereits erfahren, und wenn wir einen Blick auf die Arbeit der Anderen werfen, ſind wir auch hier über die Urſache des Schmerzes nicht mehr im Zweifel: Clara nähte an einem Kinderkleidchen, und war eben im Begriff, daſſelbe mit ſchwarzen Schleifen zu beſetzen.


