24 Zweites Kapitel.
„Bei dem Drachen am Kanal! Oeffentlich hat ſie Aepfel feil und verkauft Singvögel; was ſie aber im Geheimen treibt, wiſſen wir.— Pfui Teufel! Nun, zwingen ſoll ſie ſich nicht laſſen; man muß mit ihr ſprechen.“
„Thu' das, Thereſe,“ ſagte die Blondine.„Du weißt, die Marie iſt ein gutes Geſchöpf, ruhig und ſanft, ſie iſt keines großen Widerſtandes fähig, und eine intime Freundin hat ſie auch nicht.“
„Man muß mit ihr ſprechen,“ wiederholte ſtolz Thereſe.„Laß mich nur machen.“ Mit dieſen Worten trat ſie noch einmal feſt vor den Spiegel hin, hob den Kopf hochmüthig in die Höhe, beſah ſich rechts und links, griff nochmals, ſich lang ſtreckend, um ihre Taille, und wandte ſich dann höchlich zufrieden mit einer halben Pironette vom Spiegel, worauf ſie ſtolz wie eine Kaiſerin nach der vorhin angedenteten Ecke ſchritt.
Hier war der unvortheilhafteſte Platz des ganzen Gemaches; er war neben einem Fenſter, wo wenig Licht hinfiel und ſich nur ein kleiner Wandſchrank befand. Hier mußten ſich die Jüngſten begnügen, bis ſie endlich älter und erfahrener wurden und durch den Abgang einer Collegin oder durch irgend eine Protection an einen beſſeren Platz vorrückten.
Die zwei Mädchen, die ſich hier anzogen, waren beide jung, beide ſchön, ſie hatten beide dunkles Haar und dunkle Augen, und waren doch unendlich von einander verſchieden.
Wir kennen Beide bereits; von der Einen ſprachen eben die beiden Tänzerinnen an dem großen Spiegel; die Andere war Mamſell Clara, welche zuletzt in den Wagen geſtiegen.
Die Erſtere war ein Bild der Friſche und Ueppigkeit, dabei hatte ſie eine gute Taille, ſtarke Arme, ein rundes, blühendes Ge⸗ ſicht, und die Röthe ihrer Wangen drang ſo ſtark hervor, daß ſie mit keiner anderen Schminke zu bewältigen war; von Rothauflegen war gar keine Rede, und ſchon nach den erſten Schritten des Tan⸗


