Teil eines Werkes 
16. Bd. (1855) Werke
Entstehung
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Schwarze und rothe Schleifen. 23

ſich von einer der Schneiderinnen noch hie und da etwas am An⸗ zuge ändern.

Vor einen der Spiegel tritt gerade eine als Nymphe des Waldes gekleidete Tänzerin; fleiſchfarbene Tricots ſind oben mit einem äußerſt kurzen Rock bedeckt, der Oberkörper ſteckt in einem Leibchen von hellgrünem Atlas, das bei jeder Bewegung des Kör⸗ pers kracht und ſich dehnt. Neben ihr auf einem Stuhle ſitzt eine andere Tänzerin, die Arme über einander geſchlagen, die Füße weit von ſich abgeſtreckt, ſo daß der Tanzrock mehr als eine Spanne über dem Knie bleibt. Beide ſind ſehr ſchöne Mädchen; die vor dem Spiegel hat dunkle Haare, blitzende Augen und iſt tadellos gewachſen; die Andere, eine Blondine, hat ein ſauftes Geſicht und ruhige, weniger leidenſchaftliche Bewegungen.

Haſt du bemerkt, ſagte Letztere,daß die Marie dort in der Ecke wieder eine Thräne um die andere fallen läßt? Warum nimmt das Mädchen auch keine Vernunft an!

Wird ſchon kommen, erwiderte die vor dem Spiegel, indem ſie ſich übermäßig ſtark zurückbog, um zu ſehen, ob die Verbindung zwiſchen Rock und Leibchen nichts zu wünſchen übrig ließe.Wem

iſt es am Ende nicht ſo ergangen? Wer von uns hat ein Verhält⸗ niß ganz vollkommen nach ſeiner Neigung anfangen können?

Ich, verſetzte die Blonde;und deßhalb dauert mich die Marie.

Nun, du haſt was Rechtes, entgegnete die Andere lachend und hob mit einem gelinden Ausdruck der Verachtung ihre Ober⸗ lippe, während ſie mit den Händen ihre Hüfte umſpannte und ſich ſelbſtzufrieden in dem Spiegel beſah.

Aber er wird mich heirathen, fuhr die Blonde fort.

Und dann biſt du fertig! Nein, nein, Eliſe, da macht's unſereins ganz anders. Und wenn die Marie nun einmal nicht will, wer kann ſie zwingen?

Du weißt, daß ſie keine Eltern mehr hat und bei ihrer Tante wohnt.