Zweites Kapitel.
„ſie iſt ſchöner geworden, ſie blüht auf,“ oder:„ſie nimmt ab, es geht zu Ende mit ihr.“—
Und das ſetzt ſich auch hinter den Couliſſen fort und ſpielt ins gewöhnliche Leben hinüber. Wem es nur irgend möglich iſt und wer hiezn ein Recht zu haben glaubt, macht ſich ein Vergnü⸗ gen daraus, zu unterſuchen, ob eine Tänzerin feſt geſchnürt ſei, und jeder Geck glaubt eine Verpflichtung zu haben, dieſem armen NMädchen nachzulaufen, eben weil es eine Tänzerin iſt.—— Und dabei hat ſie nicht einmal das Mitleid ihres Geſchlechtes für ſich. Was iſt eine Tänzerin?— Ein Geſchöpf, über welches die Naſe zu rümpfen man berechtigt iſt, der es ja ein Vergnügen macht, ſich ſo und ſo vor dem Publikum zu präſentiren.— Nein, ihr Damen vom erſten und zweiten Rang, es macht ihnen in den meiſten Fällen kein Vergnügen, und es iſt nur ein Beweis, daß es auch bei uns Sclaven und freie Menſchen gibt, ein Beweis, auf welch' traurige Weiſe auch bei uns die Glücksgüter vertheilt ſind; denn wenn immer nach der Reinheit der Geſinnung und den Ge⸗ fühlen des Anſtandes die Stellen des geſellſchaftlichen Lebens ver⸗ theilt wären, ſo ſäße manche Tänzerin in eurer Loge, nachläſſig zurückgelehnt mit verächtlich zugedrücktem Auge, und Manche von euch zeigte ſich da unten dem lachenden Publikum. Das heißt, wenn an ihr irgend etwas zu zeigen iſt.———
Im dritten Zimmer iſt daſſelbe Treiben, dieſelbe Geſchäftig⸗ keit wie in den beiden anderen. Hieher entlud ſich der Inhalt des letzten Wagens, den wir begleitet, und da dieſe Tänzerinnen ſpäter kamen als ihre Colleginnen, ſo iſt man hier auch noch weiter im Anzuge zurück. Doch iſt jede Tänzerin eifrig beſchäftigt; die An⸗ kleiderinnen helfen ihnen angelegentlichſt und bald ſchält ſich aus dem Chaos von Tricots, Weißzeug, geſtickten Kleidern, falſchen Blumen und dergleichen mehr etwas Solides und Fertiges heraus, und das ſtellt ſich nun vor die Spiegel, probirt vorläufig die neue Friſur, ſchminkt ſich nach der Lancaſterſchen Methode, oder läßt


