Schwarze und rothe Schleifen. 21
hübſche Mädchen; da ſie aber für das tägliche Brod zu Haus ar⸗ beiten muß und keine Magd anſchaffen kann, um ihre armen Kin⸗ der, wie ſo viele Reiche und Glückliche, zu beaufſichtigen und zu verpflegen, ſo betrachtet ſie die Balletſchule als eine gute Gelegen⸗ heit, die Kinder zu verſorgen und bedenkt nicht, wie theuer dieſel⸗ ben dieſer erſte Schritt meiſtens zu ſtehen kommt. Die kleinen Mädchen werden unterſucht, ob ſie gerade Glieder haben, auch hübſche Angen und geſunde Zähne, und dann werden ſie einge⸗ ſchrieben zu einem äußerlich oft glänzenden, aber innerlich meiſtens erbärmlichen Leben. Anfangs betrachtet man Alles mit dem glück⸗ lichen Leichtſinn der Jugend; die kleinen Weſen freuen ſich, wenn ſie in den engen Tricots mit einem goldenen Gürtel hinaus dürfen, und ahnen nicht, daß all' dieſes glänzende Schmuckwerk goldene Ketten ſind, die ſie zu Sclavinnen machen und an ein bewegtes, ja wildes Leben feſſeln. Dies Bewußtſein kommt erſt nach eini⸗ gen Jahren und meiſtens wenn es zu ſpät iſt, wenn die Tänzerin nichts Anderes gelernt hat und allein auf den Balletſaal und die Bühne angewieſen iſt, um von der geringen Gage ſich und oft noch Eltern und Geſchwiſter zu erhalten.
Es iſt dies ein Leben, in vielen Fällen ſchlimmer als das einer wirklichen Sclavin; iſt dieſe traurig, iſt ihr Herz von Kum⸗ mer und Schmerz zerriſſen, ſo iſt es doch ihrem Herrn gleichgültig, ob ſie die Lippen zuſammenbeißt, ob eine Thräne über ihre Wange herabträufelt; aber die Tänzerin muß lachen, muß vor den Lampen eine Glückſeligkeit heucheln, wenn auch ihr Herz darüber brechen möchte.— Es iſt wahr, eine Sclavin wird wie eine Waare unter⸗ ſucht, ihre Geſtalt, ihr Wuchs, ihre Augen, ihre Zähne, aber das geſchieht nur einige Mal in ihrem Leben; die Tänzerin dagegen muß ſich allabendlich von dem geſammten Publikum unterſuchen laſſen: jedes Glas richtet ſich ſcharf auf ſie und jedes Auge prüft genau die Formen ihres Körpers, um dem Nachbar ſagen zu können:


