Teil eines Werkes 
13. Bd. (1855) Werke
Entstehung
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2⁵² Der Leibſchneider

vielmehr verwandelten ſich alle ſchweren Träume und Seufzer in luſtige fröhliche Geſichter, die ihn umtanzten, und ſo entſchlief er.

Wie lange er ſo mochte geſchlafen haben, wußte er nicht; wie ihm däuchte, nach mehreren Stunden, fühlte er ſich am Aermel gezupft; ſein Führer von geſtern Abend ſtand vor ihm und er⸗ mahnte ihn aufzuſtehen und ihm zu folgen. Der arme Schneider,

dem jetzt wieder ſeine ganze Verwandlung und Alles, was ihm

paſſirt, ſchwer auf's Herz ſiel, ſtand ſeufzend auf und folgte dem Zwerg in den Gang hinaus, wo man jetzt die ſanften Klänge nicht mehr hörte, wohl aber eine andere rauſchende luſtige Muſik, die von den prächtigen Sälen herzukommen ſchien, durch welche ſie ge⸗ ſtern gewandelt. Am Ende des Corridors traten die fünf andern Hurlemänner wieder zu ihnen und Alle gingen ſchweigend durch ſeitwärts gelegene, glänzend erleuchtete Hallen fort. Die ſechs Zwerge ſenkten ſtumm und traurig die Blicke zu Boden, Philipp aber konnte es nicht unterlaſſen, ſeine Augen überall herumzu⸗ ſchicken und da ſah er denn, wie ſich hie und da ein Thürlein öffnete und ein Zwerg oder eine Zwergin heraustrat, auf das Prächtigſte angethan mit ſchönen geſtickten Kleidern, die aber alle beim Anblick der traurigen Geſellſchaft ſchnell wieder verſchwanden. Jetzt kamen ſie von einer andern Seite her wieder in die große Halle mit den kryſtallnen weißen und rothen Pfeilern; der Eine ſtieß wieder in's Horn, die Wendeltreppe drehte ſich und wie ſie langſam auf ihr hinabſtiegen, wurde die rauſchende Muſik und der laute Jubel in der Zwergenburg immer ſchwächer und ſchwächer und hörte endlich ganz auf, als ſie wieder in den Wald hinaus⸗ traten unter die Tannenbäume.

Da war es wieder Nacht wie geſtern; nur wollte es⸗ Philipp bedünken, daß es heute weit kälter ſei. Doch machten die Zwerge gleich ein Feuer an, bei deſſen hellem Schein ſich der Schneider ſeine Finger erwärmen konnte. Auch ſah er jetzt, daß der Zwerg, der ihn aus dem Bette geholt, ſeinen Ranzen über die Schulter gehängt hatte, den er jetzt neben ihn hinlegte. Die Geſellſchaft ſetzte ſich um das Feuer und war ſtumm wie geſtern. Auch Philipp, der an die glühende Nadel und die Ohrfeige dachte, wagte es nicht den Mund zu öffnen. Doch bald ergriff ihn die Langeweile und