Teil eines Werkes 
13. Bd. (1855) Werke
Entstehung
Einzelbild herunterladen

der Zwerge. 251

Von hier kamen ſie in große Säle, von denen einer prächtiger geſchmückt war, als der andere. Doch war in all' den Zimmern und Gängen keine Menſchenſeele zu ſehen. Daß aber hier noch vor wenigen Stunden Leute geweſen waren, ſah man an den gol⸗ denen und ſilbernen Geſchirren, die hie und da unordentlich auf den Tiſchen umherſtanden, ſowie an den Kronleuchtern, die mit halb herabgebrannten Lichtern beſteckt waren.

Es war gerade, als ſeien in dieſen Gemächern große Feſte und Gaſtmähler gefeiert worden, und auch Muſik hatte nicht ge⸗ fehlt, denn in einem der größten Säle ſtanden auf dem Orcheſter noch die verſchiedenartigſten Inſtrumente. Die Zwerge gingen durch dieſe geſchmückten Hallen ſtumm und traurig, und Philipp folgte ihnen mit größter Verwunderung. Jetzt hatten ſie die Säle hinter ſich und befanden ſich vor einer Menge vielfach verſchlungener Gänge, wo ſich die ſechs Hurlemänner die Hand reichten und jeder in einen beſondern Gang hineintrat. Der Eine winkte Philipp, ihm zu folgen, und Beide traten in einen gewölbten Corridor, von deſſen Ende ihnen eine ſanfte leiſe Muſik entgegentönte. Es war wie einzelne Klänge, die der Wind den Saiten entlockte: es war wie die Klage von Aeolsharfen. In dieſem Corridor befand ſich Thür an Thür und faſt am Ende deſſelben öffnete der Zwerg ein Pförtchen, hieß den Schneider hineintreten und ſchloß hinter ihm zu.

Philipp, dem von all' dem Wunderbaren, das ihm heute vor⸗ gekommen, der Kopf wie verwirrt war, wagte anfänglich nicht, ſich umzuſehen, aus Furcht, etwas Neuem, Unheimlichem zu be⸗ gegnen; doch dem war nicht ſo. Als er endlich ſein kleines Zim⸗ mer unterſuchte, fand er, daß es freilich nur in Stein gehauen, aber weit zierlicher und geſchmackvoller eingerichtet war, als ſeine Schlafſtube bei Meiſter Caspar. Nur kam ihm die Bettlade ſon⸗ derbar vor, die aus einer großen verſteinerten Muſchel beſtand. Doch da Kiſſen und Decke in demſelben überaus weich und fein waren, ſo zog er ſich in Gottes Namen aus und legte ſich hinein.

Anfänglich drückte ihn der Gedanke an Roſa ſchwer und wie er ihr ſo nahe und doch ſo fern ſei; doch ließ die Muſik, die immer⸗ fort in den Gängen ertönte, keinen trüben Gedanken aufkommen,