Teil eines Werkes 
13. Bd. (1855) Werke
Entstehung
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242 Der Leibſchneider

half Alles nichts: Philipp trieb ſeine Späße fort und da er neben⸗ bei die Andern auf alle mögliche Art neckte, ſo gab er auf dieſe mehr, als auf ſein Geſchäft Acht, und verdarb gewöhnlich bei ſolchen Anläſſen eine Arbeit, die er aufs Kunſtreichſte angefangen. Seine Stiche wurden dann lang und immer länger, und anſtatt einen Mantelkragen in kunſtreiche Falten zu ſchlagen, nähte er ohne Bedacht darauf los, als wollte er dem Koch oder irgend einem andern Bedienten eine Schürze machen. 3 So hatte Philipp dem Meiſter ſchon manches Stück Arbeit verdorben, und war von dieſem oftmals bedroht worden, daß er ihn bei der nächſten Veranlaſſung in die Fremde ſchicken wollte, doch immer hatte eine angelobte Beſſerung oder die Bitten Roſa's, die den unartigen Vetter wohl leiden mochte, den Zorn des Vaters gedämpft. Auch hätte es dieſem ſelbſt leid gethan, ſo alle ſchönen Luftſchlöſſer verſchwinden zu ſehen, die er auf ſeinen Schweſterſohn gebaut hatte. Der Meiſter hatte ſich einiges Vermögen erworben und eine glänzende Kundſchaft, in welche er gern Philipp, als in ein warmes Neſt, hineingeſetzt hätte. Bei dieſem Vorhaben ſah er auch in der Zukunft ſeine Tochter Roſa verſorgt, die er ihm dann zur Frau würde gegeben haben. Doch vor der Unbedachtſam⸗ keit und Plauderhaftigkeit des Vetters zerfloſſen alle die Projecte in Waſſer. Je mehr Nachſicht der Meiſter übte, je wilder und unartiger wurde Philipp, und verſchlimmerte ſich trotz Roſa's Bitten jeden Tag mehr und mehr. Er lieferte kein Stück Arbeit mehr ab, in welchem ſich nicht ein grober Fehler befand, und neben der Nach⸗ läßigkeit, welche dieſen Fehler begehen ließ, machte er aus Muthwillen aandere, die noch viel ſchlimmer waren. So kam es ihm gar nicht darauf an, auf das ſchwarze ehrbare Kleid eines Rathsherrn einige bunte Lappen zu ſetzen, die anfänglich vom Mantelkragen verdeckt wurden und bald darauf, wenn ſich auf der Straße ein kleiner Wind erhob, die ehrbare Magiſtratsperſon dem Geſpött der Gaſſen⸗ buben ausſetzte. Das Sprichwort: der Krug geht ſo lange zu Waſſer, bis er bricht, zeigte ſich auch an Philipp in voller Kraft; denn am Ende einer bedeutungsvollen Woche, in der ſich der Vetter beſonders ſchlecht aufgeführt, nahm Meiſter Caspar ein großes