Teil eines Werkes 
13. Bd. (1855) Werke
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Der Leibſchneider der Zwerge. 241

andere Leute behaupten, daß die Geſellen, wenn ihnen der kleine dürre Mann mit der haarfeinen Stimme eine Standrede hielt, eher darüber zum Lachen geneigt ſeien, als zu Befolgung ſeiner Vor⸗ ſchriften, und daß im Haus ein anderer Zauber walte, der im Stande ſei, die kecken trotzigen Gemüther der Schneider zu bändigen. Der Zauber war aber Niemand anders, als das ſechszehnjährige Töchterlein des Meiſter Caspar, die ihm, da die Frau Schneider⸗ meiſterin geſtorben war, die Wirthſchaft führte. Sie kochte für die Geſellen das Eſſen, legte Allen bei Tiſche vor, und wenn hier unter ihnen mancher war, der von Hauſe her die ſchöne Gewohn⸗ heit hatte, auf gut türkiſch zu eſſen, das heißt: mit der Fauſt in die Schüſſel zu fahren, ſo ließ er es wohl bleiben, wenn ihm Roſa, ſo hieß Meiſter Caspars Töchterlein, einmal ein ſchiefes Geſicht darüber gezogen.

Wenn nun anf dieſe Art Meiſter Caspars Zucht in ſeiner Werkſtatt und Roſa's Freundlichkeit in ihrem Hausweſen ſich all⸗ mälig über die fremden Geſellen und Lehreurſchen verbreitet hatte, ſo war dies doch bei einem Einzigen nicht der Fall, der noch oben⸗ drein aus des Meiſters Caspars Sippſchaft und ſeiner Schweſter Sohn war. Philipp, ſo hieß dieſer Neffe, war eigentlich von Natur ein gutmüthiger Menſch, und, wenn er wollte, ein geſchickter und fleißiger Arbeiter. Doch hatte er die fatale Gewohnheit, bei keiner Arbeit eifrig aushalten zu könnenen Nahm er ein neues Kleid oder ſo etwas vor, ſo nähte er zum iſpiel die erſte halbe Stunde unverdroſſen darauf los und machte dabei unvergleichlich ſchöne regelmäßige Stiche, daß dem Meiſter Caspar vor Freuden das Herz im Leibe lachte. Doch länger, als höchſtens eine halbe Stunde, hielt der gute Philipp das ruhige Arbeiten, beſonders aber das Stillſchweigen dabei nicht aus. Daun ſtieß er gewöhnlich ſeinen Nebenmann an und plauderte mit ihm über Sachen, die gar nicht dahin gehörten; oder er ſang, lachte, trieb Späße, kurz, brachte in wenig Zeit die ganze Werkſtatt in Unordnung und Aufruhr.

Dieſe Unart hatte ihm der Meiſter ſchon oftmals in Güte und Strenge verwieſen, hatte ihm ſowohl im Beiſein der Geſellen als wie geheim auf ſeiner Kammer tüchtig den Text geleſen; aber das

backländers Werke. XIII. 18*