Der Leibſchneider der Zwerge.
Vor langer, langer Zeit lebte zu Aachen, in der alten Kaiſer⸗ ſtadt, ein Schneidermeiſter, wie es deren heute noch viele gibt. Doch hatte Meiſter Caspar damals das beſondere Vorrecht, die kaiſerlichen Stalldecken und ſonſtige Kleidungsſtücke für Pferde und Dienerſchaft mit ſeiner kunſtreichen Nadel verfertigen zu dürfen. Er bildete ſich auf dies Amt nicht wenig ein, und wenn man ihn auf ſeinem Tiſche ſitzen ſah, mit der ſpitzen weißen Mütze auf dem Kopf, die Elle wie ein Scepter in der Hand ſchwingend, ſo hätte man wohl glauben können, Meiſter Caspar ſei der Kaiſer ſelbſt geweſen. Obgleich er aber nur ein kleines dürres Kerlchen war, ſo beſaß er doch bei ſeinen Geſellen und Lehrjungen einen faſt unglaublichen Reſpekt, was um ſo unbegreiflicher war, da er mit ſeinen Leuten nie lärmte und ſchimpfte, ſondern bei vorkommenden Gelegenheiten ſeine feine krähende Stimme erhob, um ſeinen Schnei⸗ derburſchen mit aller Artigkeit zu ſagen, daß ſie Lumpen und bis unter die Haut ſchlechte Kerle ſeien. Es war merkwürdig, was die wildeſten und verwegenſten Schneidergeſellen zahm und gelenkig
wurden, wenn ſie erſt eine kurze Zeit in Meiſter Caspars Werkſtatt gearbeitet hatten. Die Faulen wurden fleißig und die, welche
lieber Geſchichtchen erzählten oder Lieder ſangen, als Stiche
machten, ſchienen bald in dem Punkt ihr ganzes Gedächtniß verloren zu haben und waren ſtumm wie die Fiſche. An dieſer guten Zucht mochte nun der ſtrenge Meiſter ſelbſt viel Schuld ſein. Doch wollten


