Schloß Schweigern. 33
über dem Haupteingang zu Schloß Schweigern einen natürlichen
ſchönen Schattenweg.
Auf der Höhe des Berges, wo man den Neckar ſehen konnte und wo die Grenze von Thal Schweigern war, die des mächtigen Zaubers halber Niemand überſchreiten konnte, ließ der Graf einen ungemein zierlichen Pavillon erbauen, der zur Hälfte auf ſeinem Grund und Boden ſtand und deſſen andere Hälfte darüber hinaus⸗ ging, um den König und ſein Gefolge aufzunehmen, die nicht Luſt hatten durch den Eintritt in's Thal Schweigern auf Gott weiß wie lange Zeit ſtumm zu werden.
An einem ſchönen Abend erblickte der Graf endlich den glän⸗ zenden Zug, wie dieſer ſich zwiſchen den Bergen an den Ufern des Neckars hervorwand und in der Ebene lagerte. Ihm war das
Herz ſo voll, ſowohl vor Entzücken, ſeine geliebte Braut wieder zu
ſehen, als auch, weil ihm eine innere Stimme ſagte, daß allein durch der Prinzeſſin treues reines Weſen der Zauber von Schloß und Thal Schweigern genommen werden könnte. So in angeneh⸗ men Träumen verging die Nacht, und der erſte Strahl der aufſtei⸗ genden Morgenſonne ſah ſämmtliche Reiſige und Knappen von Schloß Schweigern in ihren glänzenden geputzten Rüſtungen im innern Theil des Pavillons aufgeſtellt. Jetzt bewegte ſich auch der“ Zug des Königs näher und nach den erſten herzlichen Begrüßun⸗ gen von beiden Seiten ging der Act der Vermählung mit aller für die Verhältniſſe möglichen Pracht vor ſich. Allein ehe dies geſchah, konnte der König nicht unterlaſſen, ſeine geliebte Tochter nochmals mit einer feierlichen Rede auf Alles das aufmerkſam zu machen, was ſie ver⸗ laſſe, wenn ſie jene Grenze beträte, ſowie auf das mancherlei Unan⸗ genehme, was ihrer dort harre, worin er vor Allem die fatale Schweig⸗ ſamkeit für's ganze Leben recht ſcharf hervorhob. Allein die Treue und Liebe der Prinzeſſin zu dem Grafen war ſo groß, daß ſie dieſer Worte nicht achtete. Sie ſank ihrem Vater unter einigen Hackländers Werke. XIII. 3


