10 Schloß Schweigern.
zahlreiche Gewild, das herumlief, keinen Laut von ſich, da er⸗ ſchallte kein Vögelgeſang. Alles war ruhig und ſtill. Nie ſah man Jemand aus dem Schloſſe treten, der mit der äußern Welt in Verbindung gekommen wäre. Und deßhalb wußten die Jäger und Holzhauer von den benachbarten Schlöſſern, die, wenn ſie ihren Geſchäften nachgingen, zuweilen in dieſe Gegend kommen mußten, ſchon ſeit den Klteſten Zeiten keinen andern Namen, als den ihm das Volk wegen der Oede und Stille gegeben, und nann⸗ ten es Schloß Schweigen oder ſpäter Schloß Schweigern. Im Munde des Volkes hatte ſich über Thal und Schloß eine alte Sage erhalten. Nach dieſer lebte hier vor langen, langen Jahren ein mächtiger König, der eine ſchöne, aber ſehr wunderliche Tochter hatte, die einen gar ſonderbaren Schwur gethan. Wer nämlich ihr Herr und Gemahl werden wolle, müſſe verſprechen, ſie nicht zu überleben, das heißt, wenn ſie zuerſt ſtürbe, dürfe er ſich nicht ſcheuen, mit ſeiner Gemahlin ſich lebendig begraben zu laſſen. Durch dieſe ſonderbare Bedingung, die im Lande ſo ziemlich be⸗ kannt geworden war, hielt ſich Jeder abgeſchreckt, um die Prin⸗ zeſſin zu werben, und dieſe ſah ſchon mit innerlichem Grauſen die Zeit heran nahen, in der ihre außerordentliche Schönheit verblühen und ſich dann Niemand mehr finden würde, der ſo ſeltſame Ver⸗ pflichtungen auf ſich nähme. Da begab es ſich, daß der Sohn eines benachbarten Königs ſie ſah und ſich ſo heftig in ſie verliebte, daß er auf Erden keine Ruhe mehr zu finden glaubte, als nur in ihrem Beſitz. Dieſer bewarb ſich um die Prinzeſſin, worauf der König antwortete:„Wer meine Tochter heirathen will, muß ſich nicht fürchten, lebendig begraben zu werden,“ und erzählte ihm, was die Prinzeſſin für einen Schwur gethan. Aber die Liebe des jungen Prinzen war ſo groß, daß er an keine Gefahr dachte und das Verſprechen zu halten gelobte, worauf ihre Hochzeit mit großer Pracht gefeiert wurde.
Nun lebte das neuvermählte Paar eine Zeit lang glücklich
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