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248 Sechszigſtes Kapitel.
„War dein Herr— Eugen Stillfried— oftmals hier oben auf
dem Schloſſe?“ 3 „Ja, Herr Juſtizrath.“ „Sah er die Tochter des Verwalters?“ „Ich glaube ſo.“
„Nein! nein! das wäre zu fürchterlich!— Und doch muß es
ſo ſein!— Der Bruder hat ſeine eigene Schweſter entführt!“
Dieſe Worte ſchrie er mit lauter und gellender Stimme. Dann ſank er zuſammen, ſtürzte in den Seſſel zurück und verbarg ſein Haupt in beide zitternde Hände.——
So ſaß er eine Zeit lang, und nur zuweilen hob ein tiefer Seufzer die Bruſt, nur zuweilen ſtieß er einen Schrei des Schmerzes aus. Dabei hörte er nicht, was um ihn her vorging; er ſah nicht, daß ſich die Thüre langſam geöffnet, daß eine Hand den Arm des Bedienten gefaßt und dieſen in den Gang zurückgezogen hatte, daß Eugen Stillfried dafür eingetreten war und nun unter der Thüre ſtand und regungslos, mit untergeſchlagenen Armen, auf den zuſammengeſunkenen Mann blickte.
Als dieſer ſich nach einer längern Pauſe wieder langſam er⸗ mannte, zuerſt die Hände von dem Geſicht herabſinken ließ, dann nach einer Weile ſein Haar von der Stirn zurück ſtrich und den Kopf in die Höhe wandte, da riß er ſeine Augen weit auf und ſtarrte nach der Thüre, als ſähe er dort ein Geſpenſt. Er erhob ſich darauf langſam von dem Seſſel, und die beiden Männer, die ſich ſo tief haßten, ſtanden ſich einige Augenblicke ſchweigend ge⸗ genüber.
Es war eine fürchterlich lange und peinliche Pauſe.
Mehrmals fuhr der Juſtizrath empor, als wollte er ſich auf ſeinen Feind ſtürzen; doch hielt er ſich immer zurück. Endlich aber
ſchrie er laut hinaus:„So iſt es denn wahr, Unglücklicher! du
haſt deine eigene Schweſter entführt?“ „So ſcheint es,“ ſagte Eugen ruhig.„Und da ich das zu⸗


