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244 Sechszigſtes Kapitel.
Den Juſtizrath hatte eine ſeltſame Angſt erfaßt, welche den Zorn über das Benehmen des Herrn von Steinbeck überwog. Sein Auge hing an dem Munde des alten Mannes, und als ihn der Major beſchwichtigend bei der Hand ergriff, die er krampfhaft zuſammen geballt, ſagte er nach einem tiefen Athemzuge mit kaum vernehmlicher Stimme:„ſo reden Sie.“
„Fräulein Roſalie“— ſagte der Verwalter;„Fräulein Ro⸗ ſalie“— wiederholte er.
„Was iſt mit ihr?“
„Sie iſt fort— entflohen.“
„Barmherziger Himmel!“ rief der Juſtizrath und wollte an dem Verwalter vorbei nach der Thüre ſtürzen.
Der Major hielt ihn zurück.
NRoſa Immergrün war mit einem lauten Schrei in ihren Fau⸗ teuil geſunken, dem ſie ſich, etwas Aehnliches vorausſehend, langſam
wieder genähert hatte. Herr von Steinbeck trat mit einem lauten:„Ah!“ einen
Schritt zurück.
„Entflohen!“— ſagte abermals der alte Mann, indem er ſich an den Juſtizrath wandte, der dicht vor ihm ſtand und ihm wie verwirrt ins Auge ſah.„Entflohen— heute Abend entflohen, wahrſcheinlich kurz, ehe die Wagen in den Schloßhof gefahren ſind. Eben vorher habe ich ſie ſelbſt noch geſehen.“
Der Juſtizrath kämpfte gewaltſam mit ſich ſelbſt, um im Aeu⸗ ßeren ſeine Faſſung wieder zu erlangen. Wenn er auch gleich darauf wieder ruhig ſprach, ſo ſah man doch deutlich an ſeinen zuckenden Lippen, an der Todtenbläſſe, die ſein Geſicht überzogen, welch' furchtbarer Kampf dieſen harten Mann im innerſten Herzen durchwühlte. 3
Er hatte darauf die Kraft, ſich mit einem halben Lächeln gegen Herrn von Steinbeck umzuwenden— denn es fiel ihm ein, S daß er hier nieht mehr als den Geſch ſtämann der Staatsräthin


