Zweiundvierzigſtes Kapitel.
Andere betrachtete, zu gleicher Zeit einen forſchenden Blick auf das Marmorbild zu werfen, indem er nicht anders glaubte, als dies ſei verblaßt, verſchwunden, und die Stelle leer, wo es geſtanden.
Und Roſalie— ſo war ja der Name der Tochter des Ver⸗ walters, wie ſich Eugen jetzt deutlich erinnerte— hatte hier in Wirklichkeit genau die ernſten, ruhigen, melancholiſchen Züge, wie jenes Steinbild, und ihre Geſichtsfarbe war über alle Beſchreibung blaß, ja bleich. Ein ſchmerzlicher Zug zuckte um ihren Mund, und wen ſie mit den großen, glänzend blauen Augen anſah, der bemerkte wohl, ſelbſt wenn der kleine Mund augenblicklich lächelte, daß der ſchmerzliche Ausdruck dieſes Geſichtes deßhalb nicht ge⸗ wichen war, ſondern jetzt— wenn auch verſtohlen— aus den Augen hervorblickte. Ueber der hohen Stirn dieſes Mädchens glänzte das ſchönſte hellblonde Haar; in dicken, goldenen Flechten umgab es den Hinterkopf und breitete ſich an den Schläfen fächerartig aus. Sie hätte, wie ihr Kopfputz heute geordnet war, auf jedem Balle erſcheinen können; denn die kleine Marie hatte ſie mit einem Kranz von blauen Kornblumen geſchmückt und dieſen ſo nett und anmuthig durch ihr Haar geſchlungen, daß man nichts Lieblicheres ſehen konnte.
Roſaliens Geſtalt war ſchlank und von ſehr ſchönen Formen, auch ſchienen ihre Glieder zart und fein zu ſein. Sie war eine jener Geſtalten, die man neben anderen, glänzenden, vollen und kräftigen im erſten Augenblicke leicht überſieht, die man aber, wenn man ſie erſt näher betrachtet, wegen des feinen Ebenmaßes, wegen der anmuthigen und zierlichen Bewegung nicht leicht wieder vergißt. Roſalie mußte für jeden Künſtler ein Ideal ſein; denn in ihr erſchien Alles ſchön und wohlgeformt, von der hohen Stirn bis zu den kleinen, feinen Händen und den zierlichen Füßen.
Es war für Eugen ein ſchmerzliches Gefühl, ſo dieſem Mäd⸗ chen, das ihn wunderbar anzog, gegenüber zu ſtehen, von ihr als ein völlig Fremder betrachtet zu werden, er, der doch durch jene


