Zweiundvierzigſtes Kapitel.
bige Scheiben das volle Sonnenlicht hereindrang und eben durch dieſe viele Farben einen unausſprechlich angenehmen röthlichen Ton
bildete.
Ja, Eugen hatte richtig geahnet: das Wirthshaus zur wilden Roſe war daſſelbe, von dem jener Freiwillige in der Nacht von Pavia erzählt; dieſes Schloß war daſſelbe, das für ihn ſo glück⸗ lich und unglücklich geweſen war; und dieſe Kapelle war es, wo er mit Meiſterhand ſeine Gebilde aufgebaut.
Dort ſtand das Werk im Chor der Kirche, aus weſßem Mar⸗ mor gehauen; die Hauptfigur war eine Mädchengeſtalt: der Glaube, welche ſich mit einem Arme auf die Hoffnung ſtützte, mit dem an⸗ deren die Liebe empor hielt, die gerade im Begriffe war, den Deckel des Sarkophages zu öffnen.—
Keiner der beiden Freunde vermochte ein Wort zu ſprechen. Ihnen war der gegenwärtige Moment wahrhaft feierlich; Beide
fühlten ſich in eine fromme, kirchliche Stimmung verſetzt, wie vor⸗.
dem noch nie. War es die Erinnerung an jene rührende Ge⸗ ſchichte, die mit dieſem Werke zuſammen hing, war es die unend⸗ liche Schönheit deſſelben, was ihr Herz erfüllte? Genug, Keiner der Beiden fand Worte, ſich gegen den Anderen auszuſprechen. Eugen ließ ſich in einen kleinen Betſtuhl nieder und blickte die drei lieblichen Mädchenfiguren mit gefalteten Händen an, wogegen Herr Sidel, der ſelbſt in ſeinen gefühlvollſten Augenblicken die prak⸗ tiſche Seite des Lebens nicht aus dem Geſichte verlor, ſich ſtill⸗ ſchweigend zu der kleinen Orgel hinauf begab, welche gegenüber dem Chore angebracht war.
Wenn auch die drei Figuren des Werkes gleich edel und ſchön gedacht, ſowie mit derſelben Meiſterſchaft ausgeführt waren, ſo waren doch die Köpfe derſelben unendlich verſchieden. Der Glaube war ein Geſicht voll Ernſt und Würde, ſtreng, gewaltig, wie er ſein ſoll, mit edlem kräftigem Ausdruck, zu welchem vertrauensvoll auf⸗ zublicken der arme Sterbliche ſchon im Stande iſt. Wie innig


