Teil eines Werkes 
12. Bd. (1855) Werke
Entstehung
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Glaube, Liebe, Hoffnung. 19

die äußerſte Spitze des Felſens ſo ſchien es wenigſtens. Doch lief die Mauer noch ſo weit hinter dem Chore herum, daß man einen prächtigen Ruheplatz dort angebracht hatte; aber von dem Punkte aus, wo die beiden Freunde ſtanden, ſchien es, wie geſagt, als ſtehe die Kapelle dicht am Abhange. Die Buchen und Eichen, welche hier ſtolz empor wuchſen, hatten ſie bis jetzt den Blicken entzogen und bereiteten auch vor ihr ein dichtes undurchdringliches Schattendach aus, durch welches die Sonne nur mit einzelnen blitzenden Streiflichtern zu dringen vermochte. Deſto liebevoller und glänzender aber umſchlang das Licht das Chor der kleinen Kirche, drang durch die Fenſter deſſelben ein, erfüllte ſie mit Glanz und Pracht, ſo daß man glauben konnte, wenn man ſo davor ſtund und die Fenſter röthlich hell erleuchtet ſah, es werde dort ein Amt gehalten, und der Weihrauch dufte im Schimmer von Tauſenden von Kerzen.

Nich beſchleicht ein eigenthümliches Gefühl, ſagte Eugen, als ſie nun näher ſchritten;und jene Erzählung tritt ſo lebendig und gewaltig vor mich hin, daß ich mich ordentlich fürchte, die Kirchthüre zu öffnen, um alles das zu finden, von dem ich über⸗ zeugt bin, daß es wirklich da iſt.

Wenn die Thüre wirklich zu öffnen iſt, bemerkte der prak⸗ tiſche Herr Sidel;aber ich befürchte faſt, wir werden den alten Herrn in ſeinem Arbeitszimmer inkommodiren müſſen. Doch nein, ſie iſt offen; jetzt bin ich auch wirklich begierig darauf, was wir

hier finden.

Die Thüre der Kapelle war unverſchloſſen, und Eugen öffnete ſie und drückte ſie weit auf.

Sie traten ein.

Da lag das Schiff der kleinen Kirche, hoch gewölbt, von ſchlanken Säulen getragen, lichterfüllt und glänzend vor ihnen, namentlich das Chor derſelben, deſſen hohe, ſchmale Fenſter auf die freie Gegend hinaus gingen und durch deren bunte, vielfar⸗