254 Vierzigſtes Kapitel.
wieder ab. Da erſchien mir Doktor Wellen, unſer Arzt, und indem
er mir einen Strauß wilder Roſen überreichte, erwachte ich.“
„Seltſam, ſehr ſeltſam!“ ſagte Herr Sidel.„Jetzt fällt mir auf einmal die ganze Geſchichte ein, und du wirſt dich ebenſo ge⸗ wiß daran erinnern.“
„Freilich thue ich das,“ entgegnete Eugen.
„Doktor Wellen erzählte uns von einem Freiwilligen, den er im italieniſchen Feldzuge getroffen, und der in der Schlacht von Novara geblieben. Nicht wahr? Dieſer hatte ihm eine Begebenheit aus ſeinem Leben vertraut, deren Schauplatz nahe einem Wirths⸗ hauſe zur wilden Roſe war.— Iſt's nicht ſo?“
„Ganz recht!“ ſagte Eugen;„ich erinnere mich jetzt genau.“
„Und der Doktor Wellen beſchrieb die Gegend ſo außerordent⸗ lich umſtändlich,“ verſetzte Herr Sidel;„und dieſe Beſchreibung paßt merkwürdig hieher. Ich habe doch nicht gewußt, weßhalb mir das Thal und das Schloß da drüben ſo gar nicht fremd vor⸗ kamen.“
„Mir ging es gerade ſo,“ entgegnete Eugen.„Als wir geſtern Abend den Berg hernieder ſtiegen und nun ſo plötzlich die unregel⸗ mäßigen Gebäude dort oben mit ihren Zinnen und Mauern vor meinem Blicke erſchienen, da war es mir, als kenne ich das alles ſchon, als ſei ich hier ſchon oft geweſen— und gern da geweſen. Das iſt in der That ſonderbar; es war mir gar nicht ſo, als käme ich in eine fremde Gegend; nein, es heimelte mich an, als wäre ich hier zu Hauſe.“ 3
„Das kann ich von mir gerade nicht ſagen,“ meinte Herr Sidel. „Aber ſollte es möglich ſein, daß jene Geſchichte des Doktor Wellen—
mit dem Schloſſe und dem Thale zuſammenhängt, daß hier wirklich der Schauplatz dieſer Begebenheit wäre? In dem Falle hielte ich es für höchſt ſeltſam, daß wir gerade hieher gekommen. Siehſt du, Eugen, der Zufall!“
„Und ein glücklicher Zufall,“ ſagte Herr Trommler, indem er die ihm freundlich angebotene zweite Cigarre annahm.„Wie glücklich ſchätze ich mich, daß auch ich eine kleine Schuld an dieſem Zufalle habe!


