Das Wirthshaus zur wilden Roſe. 233
Zeit vergeſſe ich mein Leben nicht.“ Bei dieſen Worten zuckte eine lachende Geberde wie ein Blitz aus ihren Augen.
„Ja wohl, Mutter,“ beſtätigte Marie und ſtieß die Frau.
Roſel leicht an den Arm,„das war in jenem Sommer, wo dir die Geſchichte paſſirt iſt.“ „Du biſt ein gottloſes Kind!“ verſetzte die Mutter laut lachend.
„Was brauchſt du mich an die Geſchichte zu erinnern! Nicht wahr,
du weißt es, wie das viele Lachen wehe thut, und deßhalb plagſt du mich damit? O du Ausbund von Gottloſigkeit!“ Dabei war aber Frau Roſel, wie es ſchien, aus eigenem Antriebe und für nichts und wieder nichts ſo in's Lachen hineingekommen, daß ſie ihre Hüften halten mußte und ihr die Thränen über die Wangen herab liefen. Und obgleich die Tochter von jener Geſchichte gar nichts mehr erwähnte und nur hie und da die Mutter neckiſch an⸗ ſtieß, oder mit einem Auge blinzelte, ſo rief doch Frau Roſel unter dem gewaltigſten Lachen, das ſich in einen kleinen Erſtickungsanfall zu verwandeln drohte:„ſo hör' doch auf, du gottloſes Kind! Quäl' deine arme Mutter nicht ſo!'s iſt ja eine Schande, wenn ich mich vor fremden Leuten ſo anſtellen muß!“
„Das ſind ja für uns keine fremden Leute, der Herr Direktor nämlich,“ entgegnete Marie mit dem ruhigſten und treuherzigſten Geſichtsausdruck. Doch blickte beſtändig aus ihren dunkelbraunen Augen, namentlich aber im gegenwärtigen Moment, ein luſtig neckender Schelm, der nicht im Stande war, irgend Jemanden in Frieden zu laſſen.„O, der Herr Direktor kennt uns recht gut; er war ja, wie du ſelbſt vorhin ſagteſt, in dem Sommer hier; weißt du, in jenem Sommer, wo die Extrapoſten kamen und wo die Geſchichte vorfiel.“.
Hier lachte Frau Roſel auf's Neue und heftiger als zuvor. Ihr ganzer Körper zitterte ordentlich zuſammen, und ſie konnte erſt wieder an Erholung von dieſer gewaltſamen Aufregung denken,


