Teil eines Werkes 
11. Bd. (1855) Werke
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Das Wirthshaus zur wilden Roſe. 231

ihr ſtanden, um ſie bei ihrem Vornamen nennen zu dürfen, Jungfer Roſel genannt..

Die Mutter Roſel war eine große ſtarke Frau, ſehr rund und ſehr dick. Man hätte ſie für eine entfernte Anverwandte von unſerer guten Freundin, Madame Schoppelmann, halten können, doch war die Wirthin weit proportionirter, auch lange nicht mit derſelben Körperfülle bedacht. Dabei waren Beide im Temperament vollkom⸗ men von einander verſchieden. Es gab nänlich nichts Vergnüg⸗ teres und Luſtigeres, als das ewig heitere Geſicht der Wirthin. Ihre Augen glänzten vor Fröhlichkeit, ihr Mund war immer zum Lachen geöffnet und zeigte dabei ſehr weiße Zähne, deren ſich kein junges Mädchen hätte zu ſchämen gehabt. Dabei hatte die Frau das unſchätzbare Geſchenk von ihrem Schöpfer erhalten, daß es ihr nicht möglich war, etwas, das ihr in dieſem Leben vorkam, lange von einer ernſten Seite zu betrachten. Sie nahm faſt Alles für einen köſtlichen Spaß auf, und wenn ſie ſich auch über etwas im erſten Augenblicke ärgerte, ſo dauerte das nicht viele Sekunden, und es war ihr gelungen, etwas Komiſches daran aufzufinden, worüber ſie herzlich lachen konnte.

Das Wirthshaus zur wilden Roſe lag nicht ganz auf dem Grunde des Thales, ſondern auf einem kleinen Hügel, etwas höher, als die übrigen Häuſer des Dorfes. Man überſah das Letztere von den Fenſtern des Wirthshauſes, ſah, wie ſich der ſchlanke Kirchthurm aus den Stroh⸗ und Ziegeldächern hervorhob; man überblickte das ganze Thal bis an die gegenüberliegende Berg⸗ wand, und wenn die Augen dort einem Wege folgten, der bald offen dalag, bald ſich zwiſchen Bäumen und Felſen verſteckte, ſo ſah man das prächtige Schloß, welches die Anhöhe krönte, gerade vor ſich liegen. 3

Der Karren des Schauſpieldirektors war geſtern Abend wohl⸗ behalten angekommen, ein paar Stunden ſpäter auch der große Wagen mit dem Reſte der Geſellſchaft, mit Dekorationen, Requi⸗