Teil eines Werkes 
11. Bd. (1855) Werke
Entstehung
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230 Achtunddreißigſtes Kapitel.

einen Begriff davon gab, welch' hübſche Frau die Wirthin zur wilden Roſe damals geweſen war. Wenn wir vielleicht auch an⸗ nehmen können, daß der Künſtler, der ſich in dem wild romanti⸗ ſchen Thale länger aufhielt, als er Anfangs gewollt, der ſchönen Wirthin in jeder Hinſicht, alſo auch bei Anfertigung dieſes Por⸗ traits, geſchmeichelt habe, ſo wollen wir doch den Worten des alten Schulmeiſters Glauben ſchenken, der uns auf Befragen hoch und theuer verſicherte, es habe nichts Liebenswürdigeres, Luſtigeres und Hübſcheres gegeben, als die Wirthin, die Frau Roſel. Ja, wenn man mit dem Schulmeiſter näher bekannt wurde und das eben an⸗ gedeutete Geſpräch weiter verfolgte, ſo konnte man leicht auf die Vermuthung gerathen, als ſei dieſe große Liebenswürdigkeit der Wirthin daran Schuld geweſen, daß ſich der regierende Lehrer des Dorfes niemals verheirathete.

Wer aber noch Zweifel geſetzt hätte in die Worte des Schul⸗ meiſters, der brauchte ſich nur die Mühe zu geben und Frau Roſel mit Kennerblick zu betrachten, ſo fand er ſelbſt das, was in dieſen ſpäteren Jahren von ihrer Schönheit und Poſſierlichkeit übrig ge⸗ blieben war, noch ſo bedeutend und wichtig, daß er gewiß geneigt war, dem damals durchgereisten Maler auf's Wort zu glauben und das Portrait im vornehmſten Gaſtzimmer für vollkommen echt und untadelhaft zu halten.

Frau Roſel war Wittwe, und obgleich ſich ihr Name„Roſel“ von ihrem Vornamen„Roſalia“ herſchrieb, ihr Familienname aber ganz anders lautete, ſo hatte man ſich doch ſo daran gewöhnt, nur von der Frau Roſel zu ſprechen, daß man den wirklichen Namen darüber ganz vergaß. Ja, bei öffentlichen Verhandlungen, wenn

z. B. von ihrem Anweſen oder von ihren Gütern die Rede war,

las man in den Blättern nicht anders, als etwa: der Krautacker

der Frau Roſel, oder: die hintere Hausecke der Frau Roſel u. ſ. w.

Selbſt ihre einzige Tochter, welche man in der Taufe„Maria“ nannte, wurde von Leuten, die nicht auf ſo vertraulichem Fuß mit