Das Wirthshaus zur wilden Roſe. 229
für die Bauern, die hier ihren Schoppen tranken, eine dritte für die Honoratioren, als: den Schultheißen, den Schulmeiſter, den Förſter oder auch zuweilen den Pfarrer, und an dieſes ſtieß noch ein kleines Gemach, für vornehme Fremde beſtimmt, die hier ab⸗ geſondert ihr Mittag⸗ oder Abendeſſen verzehren wollten.
Dieſe verſchiedenen Zimmer waren ihrem Range nach auch ver⸗ ſchieden ausgeſchmückt. Während ſich in dem Fuhrmannszimmer und dem darauf folgenden Gemache neben hölzernen Tiſchen und Bänken an den Wänden nur ein alter Kalender befand, ſah man in dem dahinter befindlichen Raume, wenn auch die Möbel die gleichen waren, die Wände doch ſchon beſſer verziert; denn hier prangte eine Geſchichte der heiligen Genovefa mit Hirſchkuh, Schmer⸗ zenreich und Golo, dem Grauſamen, Alles ſauber und bunt kolo⸗ rirt, mit ſchönen rührenden Unterſchriften, welche von den Bauern und den zahlreichen Fliegen ſehr aufmerkſam durchgeleſen wurden. Das Honoratiorenzimmer hatte ſchon Seſſel, deren Sitz mit brau⸗ nem Leder überzogen war, einen Tiſch mit grünem Wachstuche, und an den Wänden die Bildniſſe der königlichen Familie in einer ſauberen, im nahen Städtchen verfertigten Lithographie, welche nur den einzigen Fehler hatte, daß man nämlich bei ihrem Anblicke auf die Vermuthung kommen konnte, ſämmtliche Glieder dieſer erlauch⸗ ten Familie, wie ſie hier abconterfeit waren, litten an leiblichen Gebrechen; denn während die Einen ſchielten, hatten die Anderen einen verdrehten Hals oder hohe Schultern, oder an Armen und Beinen verſchiedene bis jetzt unentdeckte Gelenke. Ja, Seine Ma⸗ jeſtät der König, im grauſamſten Waffenſchmuck, ſaß auf einem Pferde, welches, ruhig ſtehend, eine ſolche entſchiedene Neigung zum Umfallen zeigte, daß ein getreuer Unterthan nicht im Siande war, dieſes Bild ohne Schrecken anzuſehen. E
Im letzten Zimmer hing das Bildniß der Wirthin des Hauſeh.— in der That recht ſauber gemalt, vor langen Jahren von einem durchreiſenden Künſtler verfertigt, welches dem heutigen Beſchauer


