Teil eines Werkes 
11. Bd. (1855) Werke
Entstehung
Einzelbild herunterladen

—

Beweiſe eines guten Herzens. 43.

noch nicht einmal geſchrieben? O der beſcheidene, ſchüchterne, junge Menſch. Das iſt ein Kleinod, Jungfer Strebeling; darauf können Sie ſtolz ſein.“

Clementine ſchlug erröthend die Augen zu Boden und ſagte nichts.

In dieſem Augenblicke flog über die verwelkten Züge der Frau Schilder ein lebhaftes, höhniſches Lächeln und erhellte ihr Geſicht,

wie der Blitz den zerſtörten Kirchhof.

„Aber wie er heißt?“ fuhr die alte Frau nach einer Pauſe fort;„er heißt Johannes Müller und iſt ein armer Kandidat der Theologie.“

„Er will alſo ein Pfarrer werden?“ fragte Clementine mit einem ſeligen Gefühl.

„Ja, er möchte wohl,“ meinte die alte Frau,„aber es fehlen ihm die Mittel. Er iſt da bei dem Herrn Stillfried,“ ſetzte ſie leiſer hinzu,„eine Art von Sekretär oder ſo was. Ach, das iſt eine Exiſtenz, Jungfer Clementine, bei ſo einem wilden, ausſchwei⸗ fenden jungen Menſchen!“

Clementinen überlief es eiskalt, und ſie dachte an die arme Katharina.

„Und warum bleibt er denn bei dem Herrn?“ fragte ſie nach einer Pauſe.

„O Gott! wo ſollte er hin?“ entgegnete die Frau Schilder und faltete mit dem wehmüthigſten Geſichtsausdrucke ihre Hände; „wo ſollte er hin? Ach, es iſt ihm ſchon lange verhaßt, das Leben, und die Zeit iſt gekommen, wo er ſich noch ein halb Jahr auf die Univerſität zurückziehen ſollte, um ſich zum letzten Examen vorzubereiten. Sie wiſſen doch, daß die Theologen acht Examen machen müſſen, und ſieben hat er ſchon glänzend beſtanden, unge⸗ heuer glänzend. Jetzt noch das achte, und dann wird er ein evan⸗ geliſcher Pfarrer und würde augenblicklich heirathen, wie es dieſe Herren in dem Falle immer zu machen pflegen.“

8*